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Postkolonialismus:Rassismus wendet sich heute gegen alle Untergeordneten - auch gegen Flüchtlinge

Derzeit entsteht eine neue conditio humana, eine neue Form der Menschseins. Die Menschheit beginnt, die große Unterteilung in Mensch, Tier und Maschine, die die Moderne und den Humanismus noch so stark geprägt hat, hinter sich zu lassen. Gestern noch machte Rassismus soziale Unterschiede salonfähig und sorgte dafür, dass unerwünschte Personengruppen in einen Rahmen gezwängt wurden, aus dem sie von Rechts wegen oder gar durch Anwendung von Gewalt nicht zu entkommen vermochten. Heute aber entstehen neue Formen von Rassismus, die ohne den Rückgriff auf biologische Gegebenheiten Legitimierung finden.

Dem Rassismus von heute genügt beispielsweise die Forderung, die Grenzen zu schließen, Jagd auf Ausländer zu machen oder Flüchtlinge in ihre Heimat zurückzuschicken. Dem Rassismus von heute genügt es, auf die Unvereinbarkeit von "Zivilisationen" zu pochen, die Verschiedenheit der Menschenkategorien und Kulturen zu betonen oder auch den "anderen" Gott zu einem Götzenbild zu erklären, das geradezu zur Verhöhnung einlädt und das daher ohne Rücksicht auf Verluste geschändet werden kann.

In der derzeit in der westlichen Welt herrschenden Krise manifestiert sich diese Art von Rassismus als extreme Ausprägung des Nationalismus. Sie entwickelt sich weiter, obwohl jüngste Fortschritte in der Genetik und Biotechnologie die Inhaltslosigkeit des Rassenkonzepts bestätigt haben. Doch statt der Vorstellung von einer rassenfreien Welt neuen Auftrieb zu verleihen, lassen diese technischen Fortschritte paradoxerweise das alte Konzept der Klassifizierung und Differenzierung der letzten Jahrhunderte vollkommen überraschend wieder aufleben.

Damit wird die Gefahr einer weltweiten Apartheidisierung greifbar. Sie nimmt in dem Augenblick konkrete Gestalt an, da uns die Endlichkeit des Systems Erde und die Verflechtung der menschlichen Art mit anderen Formen von Leben stärker bewusst sind denn je zuvor. Wenn wir nicht achtgeben, droht die Apartheid nicht nur unsere Vergangenheit, sondern auch unsere Zukunft zu vergiften.

Das große Weltlaboratorium unserer Zeit

Ich stamme nicht aus Südafrika. Doch dieses Buch, die "Kritik der schwarzen Vernunft" hätte ich so wohl nirgendwo sonst schreiben können. Afrika ist meine Heimat, und nirgendwo auf diesem riesenhaften Kontinent fühle ich mich fremd. Afrikas Geschichte ist untrennbar mit der der Welt verbunden. Tatsächlich gibt es keinen Fleck auf der Erde, der nicht ein Stück Afrika, Spuren der Afrikaner, in sich trägt. Und zugleich gibt es keinen Fleck in Afrika, der nicht die Last der ganzen Welt, ihr Leid, aber auch ihren Segen verspürt. Man könnte gar sagen, das Schicksal unseres Planeten entscheide sich in Afrika, dem großen Weltlaboratorium unserer Zeit.

Mir geht es darum, diese Realität sichtbar zu machen, zugleich aber auch die Verheißung aufzuzeigen, dass Afrika wieder zu seinem eigenen Zentrum finde, wieder zu einem großen, lebendigen Lebensraum werde, der allen und jedem offensteht, und mit dem Rest der Welt gleichzuziehen vermöge. Die Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises bestärkt mich in meiner Hoffnung. Afrika muss nun den Blick auf das Neue richten. Es muss zur Tat schreiten, um zum ersten Male etwas bisher Unmögliches zu vollbringen. Und dies muss in dem Bewusstsein geschehen, dass dabei für Afrika und die gesamte Menschheit neue Zeiten anbrechen.

Der Politologe Achille Mbembe, der in Johannesburg lehrt, nahm am Montagabend in München den Geschwister-Scholl-Preis entgegen. Er wurde für sein Buch "Kritik der schwarzen Vernunft" ausgezeichnet (deutsch 2014 im Suhrkamp Verlag). Die Dankesrede, aus dem Französischen übersetzt von Solveig Rose, erscheint hier gekürzt.

© SZ vom 01.12.2015
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