Süddeutsche Zeitung

Porträtserie "Sie sind das Volk":Pillen sortieren, Füße massieren, rumblödeln und trauern

Lesezeit: 7 min

Alte Körper waschen und Dementen zuhören - wer macht das freiwillig? Sigrid Schwarzl ist seit 15 Jahren Altenpflegerin und liebt ihren Job. Trotzdem hat sie Angst vor der Zukunft, erzählt sie in unserer Serie "Sie sind das Volk".

Von Jana Anzlinger, Haag in Oberbayern

An manchen Tagen geht Sigrid Schwarzl erstmal in den Keller und schaut nach, ob da eine Leiche liegt. Heute hat sie das Bett im Abschiedsraum, der im Untergeschoss des Caritas-Altenheims St. Kunigund liegt, leer vorgefunden. Die Stickerei auf dem Kopfkissen wäre aber auch lesbar, wenn da jemand liegen würde; sie ist so angeordnet, dass ein Kopf dazwischen passt: "Hochgelobt sei Jesus im allerheiligsten Sakrament".

"Manchmal ist jemand am Sterben, wenn ich Feierabend habe", sagt die Altenpflegerin Schwarzl, "dann will ich am nächsten Tag vor Dienstanfang sehen, ob er's rübergeschafft hat." Deswegen geht sie in den Abschiedsraum. Hier wird aufgebahrt, wer "es rübergeschafft" hat und kein Einzelzimmer hatte. Der Tod gehört zum Leben und kann eine Erlösung sein, glaubt die 36-Jährige.

Vor einigen Monaten ist ein Bewohner gestorben, den Schwarzl besonders gern hatte. "Du richt'st mich noch amoi z'amma", du richtest mich noch einmal zusammen, hatte der Oberbayer immer scherzhaft gesagt und damit gemeint, dass Schwarzl ihn mit ihrer gewissenhaften Art wieder gesund pflegen werde. Als die Pflegerin den Bestattern half, der Leiche schöne Kleidung anzuziehen, musste sie immer daran denken, wie der Satz zu der Situation passte: "Du richt'st mich noch amoi z'amma." Wenn Schwarzl den Verstorbenen imitiert, muss sie lachen, gleichzeitig sind Tränen in ihren Augen. So ist er eben, ihr Job: schön und witzig und furchtbar traurig.

Im Wahlkampf kommt dieser Beruf bei gefühlt jeder Fernsehshow zur Sprache. Die Bürger beschäftigt vor allem, dass Pflege in Deutschland so teuer ist. Der Eigenanteil im Altenheim ist höher als viele Renten. Zwei Millionen Pflegedürftige wurden 2015 zuhause gepflegt, davon die meisten von Angehörigen. Knapp 800 000 Menschen wohnten in Altenheimen. Den je rund 13 000 Heimen und ambulanten Pflegediensten gehen die Fachkräfte aus. Dabei steigt die Zahl der Pflegebedürftigen und wird durch den demografischen Wandel noch weiter steigen.

Etwas mehr als eine Million Menschen arbeiten in der Pflege - als Hilfskräfte oder als ausgebildete Altenpfleger wie Sigrid Schwarzl. Sie arbeitet seit 15 Jahren im Altenheim von Haag in Oberbayern. Hier ziehen vor allem Leute aus dem Ort oder den umliegenden Dörfern ein. Haag hat 6400 Einwohner, einmal pro Stunde fährt ein Bus nach München. Schwarzl, die ein heiseres Bairisch spricht, kommt selbst aus der Gegend.

"Viele von den Menschen, die hier wohnen, haben in der Landwirtschaft ihren Körper kaputt gearbeitet", sagt Schwarzl. Manche erzählen ihr davon, wie sie morgens einen ganzen Stall voller Kühe per Hand melken mussten. Andere erzählen, wie es war, als Soldat an der russischen Front mit Todesangst im Schnee zu liegen. Dass sie diese Lebensgeschichten hört, findet die Pflegerin an ihrem Beruf am allerschönsten.

Früher hat sie jedem Bewohner einzeln eine gute Nacht gewünscht

Die große, schlaksige Frau muss sich bücken, um den gebeugten Alten zuzuhören. Gerade deswegen wirkt es, als höre sie intensiv zu.

Wenn es in der Öffentlichkeit um den Alltag von Pflegern geht, ist der Kontext meist düster. Der Pfleger Niels H. sitzt im Gefängnis, weil er hunderte wehrlose Patienten ermordet hat. Eine Undercover-Fernsehdoku zeigt desinteressierte und prügelnde Pfleger. Eine Bande, die bei ambulanten Pflegediensten arbeitete, sollen Krankenkassen um Millionen von Euro geprellt haben.

Das schlechte Image der Pflege, das dadurch entstanden ist, ärgert Schwarzl sehr. Sie habe noch nie erlebt, dass Kollegen sich nicht für Patienten interessiert, sie vernachlässigt oder sogar ruhiggestellt hätten. "Ich mache meinen Beruf wirklich aus Leidenschaft", sagt sie, heftig mit dem Kopf nickend, "und ich liebe meinen Beruf sehr, deswegen mache ich ihn ja auch schon seit 15 Jahren".

In diesen 15 Jahren hat sich einiges geändert. Früher hatte sie Zeit, jedem Bewohner einzeln eine gute Nacht zu wünschen. Die Zeit ist nicht mehr da. Die Kopfteile der Betten müssen heute nicht mehr per Hand verstellt werden.

Überhaupt wurden die Betten immer besser. Die Einlagen wurden immer saugfähiger. Der Altersdurchschnitt der Bewohner wurde immer höher. Die bettlägerigen und kranken Patienten wurden immer mehr. Das Personal wurde immer weniger und die Fachkräfte immer seltener.

Frau B. schleicht am Rollator den Gang hinunter. Die alte Dame kämpft gegen Parkinson und ein kaputtes Bein. Würde sich Frau B. in ihrem Rollstuhl schieben lassen, wären sie und die Pflegerin mindestens doppelt so schnell am Ziel. Aber Sigrid Schwarzl schlendert mit der Bewohnerin durch die neonbeleuchteten Flure.

Den Ausflug in die hauseigene Bibliothek haben sie schon vor Tagen ausgemacht. Von Frau B.s Zimmer aus geht es mehrmals um die Ecke, bis der Fahrstuhl erreicht ist. Ein Stockwerk nach oben. Dann ein paar Meter zur Tür der Bibliothek. Für Frau B. eine kleine Weltreise.

Mit 14 Jahren hat Sigrid Schwarzl zum ersten Mal eine alte Frau aufs Klo gesetzt. Es war eine Blinde, mit der Schwarzl gelegentlich gegen ein kleines Taschengeld spazieren ging. Als die Frau zum ersten Mal bei einem Spaziergang sagte, dass sie auf die Toilette muss, sackte der Jugendlichen das Herz in die Hose. Dann stellte sie fest, dass sie keinerlei Ekel empfand. Auch deshalb machte sie ihr Schülerpraktikum im Pflegeheim. Daran denkt sie heute noch gern zurück.

"Ich kann nicht jeden Tag alle Wünsche erfüllen"

Nach der Schule machte sie eine Hauswirtschaftsausbildung; dann fing sie in einer Münchner Jugendherberge an. Nach dem ersten Oktoberfest packte Schwarzl ihre Sachen. Sie hatte keine Lust mehr, hinter Teenagern herzuputzen, die sich besaufen, bis sie nicht mehr laufen und reden können - der Zustand, gegen den kranke Menschen doch so verzweifelt ankämpfen. Mit 21 bewarb sich Schwarzl als Hilfskraft im Altenheim. Seitdem ist sie hier.

Inzwischen hat sie sich zur Fachkraft ausbilden lassen. Die Ausbildung dauert drei Jahre, neben dem Praxisteil müssen die Azubis in Pflegeschulen medizinische und juristische Grundlagen pauken. In Schwarzls Klasse waren anfangs 34 Azubis. Zehn gaben vor dem Ende der Ausbildung auf.

Die Bibliothek ist eigentlich nur ein Zimmer mit zwei Bücherregalen, in dem es faulig riecht. Schwarzl zieht für Frau B. Bücher aus dem Regal, die Entscheidung fällt auf "Frauenbataillon" von Heinz G. Konsalik. Dann setzt sich die Pflegerin neben die alte Dame und redet mit ihr, bis die Erkrankte sich genug erholt hat, um mit dem ausgeliehenen Buch zurück in ihr Zimmer zu marschieren.

Schwarzl macht meistens die Frühschicht von sechs bis 14 Uhr. Sie versucht, jeden Tag einem anderen Bewohner eine Freude zu machen - eine Fußmassage, ein Bibliotheksausflug oder einfach ein langes Gespräch. "Ich kann nicht jeden Tag alle Wünsche erfüllen, aber ich versuche, dass im Schnitt meiner Dienste die Bewohner alle mal zufrieden sind", erklärt sie ihre Strategie. In ihrem Heim pflegen zwar 100 Menschen 135 Betreuer, aber die meisten Kollegen arbeiten Teilzeit. Schwarzl ist deshalb für acht bis zehn Bewohner auf einmal zuständig.

Seit Januar ist das Pflegestärkungsgesetz in Kraft, das, Schwarzl zufolge, seinen Namen nicht verdient hat. Es hat aus drei Pflegestufen fünf Pflegegrade gemacht. Damit soll besser beurteilt werden, welcher Patient welche Leistung bezahlt bekommt. Außerdem sollte das Gesetz Bürokratie abbauen. Schwarzl findet, da wurden "einfach Gelder von A nach B geschoben".

In Frühjahr hat die Bundesregierung einen neuen Mindestlohn für Pflegekräfte beschlossen. die jetzt etwas mehr als zehn Euro pro Stunde bekommen. Aber Angela Merkel verkündete genau eine Woche vor der Bundestagswahl in einem Interview, das derzeitige Gehalt sei "im Hinblick auf die Belastungen, die dieser Beruf mit sich bringt, nicht angemessen".

Martin Schulz versprach in der ARD-Wahlarena 30 Prozent höhere Gehälter für Pflegekräfte, mehr Heimplätze und Investitionen in Heime. "Wir stecken nicht genug Geld da rein", sagte der SPD-Kandidat.

Warum die beiden Koalitionsparteien nicht schon längst etwas unternommen haben, scheint weder die Kanzlerin noch der Herausforderer so recht erklären zu können. Schwarzl glaubt nicht daran, dass sich nach der Wahl etwas ändern wird. Dabei hat sie außer der höheren Bezahlung viele weitere konkrete Ideen, was verbessert werden sollte.

Die Versicherungsbeiträge müssten angehoben werden. "Die Politiker hatten Angst, vor der Wahl die Beiträge anzuheben. Dabei fehlt in der Pflegekasse jetzt schon Geld", und künftig müssten noch mehr Menschen versorgt werden. Aber wer zahlt schon gern für irgendwelche Alten, die er nicht kennt.

Außerdem fordert die Pflegerin mehr Fachkräfte. Ständig muss sie neue Leiharbeiter einarbeiten. Erst verstehen sie nichts, dann sind sie wieder weg und dazwischen dürfen sie den Fachkräften sowieso keine wesentliche Arbeit abnehmen, so etwa lässt sich ihre Kritik zusammenfassen.

Aufgaben wie die Ausgabe der Medikamente verteilen sich auf wenige Schultern. Allein mit dem Vorsortieren der Pillen ist Schwarzl jeden Tag eine bis zwei Stunden beschäftigt. Bei Morphium muss buchstäblich jeder Tropfen schriftlich dokumentiert werden. Die meisten anderen Medikamente sind maschinell in Tütchen eingeschweißt und beschriftet - eine Tüte pro Bewohner und Dosis. Schwarzl muss dafür sorgen, dass sie zur richtigen Zeit beim richtigen Bewohner ankommen.

Deswegen steht sie stundenlang vor dem riesigen Medizinschrank und sortiert Pillenbeutelchen in nach Tageszeiten eingefärbte Becher. Morgens gelb, mittags rot, abends blau, nachts grün, die Becher auf Tabletts, die Tabletts in die Wohnbereiche, dann wieder von vorne, und um Himmels Willen bei Medikamenten keinen Fehler machen.

Für mehr Fachkräfte fehlt nicht nur Geld, sondern auch Nachwuchs. "Die letzten zehn Jahre war es schwierig, gutes Personal zu finden, weil der Markt leer ist", sagt Schwarzl, "es kommt einfach sehr wenig Nachwuchs nach." Der Hauptgrund dafür sei, dass der Beruf in der Gesellschaft unattraktiv ist.

"Die Bewohner und ich blödeln so viel rum"

Damit junge Leute wieder angelockt werden, müsse es mehr Praktika und Schnuppermöglichkeiten geben, um Ekel und Scheu zu überwinden. "Die sollen mal sehen, wie witzig das hier sein kann. Die Bewohner und ich blödeln so viel rum, das macht wirklich Spaß!"

Seit acht Jahren ist Schwarzl Betriebsrätin. Die Gründe dafür nennt sie in folgender Reihenfolge: Damals stellte sich sonst niemand zur Wahl. Sie interessierte sich dafür, welche Gesetze eigentlich bestimmen, wer in ihrem Heim arbeitet. Sie wollte für Schwächere einstehen.

Und sie wollte Betriebsausflüge und Weihnachtsfeiern planen. Ihr Freundeskreis besteht aus Kollegen. Die paar von ihren Freunden, die nicht mit ihr im Heim arbeiten, pflegen für private Dienste und lehren an der Caritas-Schule. Als die Alleinstehende letztes Jahr im Krankenhaus lag, kam eine Kollegin nach Feierabend vorbei, um ihr beim Haarewaschen zu helfen.

Wenn Sigrid Schwarzl mal alt ist, würde sie gern selbst in diesem Heim wohnen. So gut gefällt es ihr hier. Allerdings fürchtet sie, dass bis dahin überhaupt keine Fachkraft mehr da ist. So oder so: Schwarzl wird es sich wohl nicht leisten können, hier einzuziehen. Sie hat schon längst ausgerechnet, dass ihre Rente dafür nicht reichen wird.

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