Porträt Der Mann, der viel mehr konnte

Raus Reden zur Gentechnik und auch seine Kritik an den Eliten des Landes, seine Warnung davor, den Staat bloß noch als "Agentur zur Stärkung des Wirtschaftsstandortes" zu sehen, seine Unbeirrtheit, mit der er so scheinbar angestaubte Begriffe wie "Barmherzigkeit" in den flott-neoliberalen Reform-Diskurs einspeiste, führten dazu, dass 82 Prozent der Menschen sich schließlich wünschten, Rau würde weiter machen und in eine zweite Amtsperiode gehen.

Nach dem Ende seiner Präsidentenzeit und vor dem Start in eine neue Lebensphase wollte Rau dann eine Auszeit nehmen, Abstand gewinnen, aufarbeiten, schreiben und über zukünftige Schwerpunkte nachdenken. Er wollte nicht "aus dem Amt in die gleiche Tätigkeit ohne Amt gehen".

Bei der Untersuchung, die zum Auftakt dieser Auszeit eine Kur vorbereiten sollte, stellten die Ärzte an seinem Herzen die gefährliche Verengung der Mitralklappe fest. In einer schweren Operation wurde eine künstliche Herzklappe eingesetzt. Dann gab es Komplikationen, Herzrhythmusstörungen, innere Blutungen. In zwei schnell aufeinander folgenden Notoperationen mussten Hämatome im Bauchraum entfernt werden. Davon erholt man sich nicht so schnell wieder.

Sehr viel lieber als über seinen Gesundheitszustand spricht Johannes Rau über Politik. Am Abend der Bundestagswahl hatte er befürchtet, es würde für die SPD noch schlimmer kommen. Dass es dann nicht ganz so schlimm geworden ist, verdanke die SPD Gerhard Schröder. Das sagt er mit einer Stimme, die das Vergesst-das-mal-bloß-Nicht deutlich mitliefert. Die große Koalition findet er vernünftig, es gab ja gar keine andere Möglichkeit, mitregieren zu können. Von Angela Merkel spricht er mit Respekt. War es denn überhaupt richtig, dass Schröder am Abend der NRW-Wahl hingeworfen hat? Rau möchte das nicht zensieren.

Der Machtverlust für die SPD in seinem Nordrhein-Westfalen, das er einmal mit absoluter Mehrheit regiert hat, ist für ihn bitter genug. Er erzählt, dass Gerhard Schröder immer wieder bei ihm gewesen sei. Die beiden haben oft und lange über den Zustand von Partei und Fraktion beraten, und auch über Neuwahlen. Rau war wie Schröder für Neuwahlen, nur nicht in dieser Form, nicht mit einer Ankündigung am Wahlabend.

Vize von sechs Parteichefs

Und die Partei? Hat Matthias Platzeck genug Ehrgeiz? Da lächelt Johannes Rau, er kennt Platzeck schon sehr lange: "Er hatte möglicherweise nicht den unbedingten Ehrgeiz, es zu werden, um so größer ist sein Ehrgeiz, es jetzt gut zu machen. Er macht bisher einen glänzenden Eindruck."

Platzeck solle sich jetzt von niemandem einreden lassen, dass man nicht ein guter Ministerpräsident und zugleich ein guter Parteivorsitzender sein könne. Johannes Rau war im Laufe der Zeit der Stellvertreter von sechs SPD-Parteivorsitzenden. Seit einiger Zeit schon mahnt er, dass die notwendige programmatische Erneuerung der SPD "nur mit einer Partei gelingen kann, die vital und lebendig ist und einen guten Blutdruck hat". Platzeck müsse jetzt bei den Menschen sein, rät er. Er müsse die Partei besuchen, denn die sei jetzt wirklich erschöpft.

Man verlässt diesen Mann, den Erhard Eppler einmal als "Genie der Menschlichkeit" bezeichnet hat, mit dem sehr starken Wunsch, dass er gesund werden und bald das neue Leben nach dem Amt genießen kann.