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Populismus:"Männlichkeit ist zurzeit mehr in der Krise als Weiblichkeit"

Was haben Populismus und Verschwörungstheorien noch gemeinsam?

Letztlich sind beide konservativ in dem Sinne, dass sie eine Ordnung bewahren oder wiederherstellen wollen. Sie gehen davon aus, dass alles früher besser war oder dass das heutige Gute gefährdet ist. Diese Nostalgie verbindet beide Diskurse, die erstaunlich optimistisch sind. Das liegt auch an einem mechanistischen Weltbild, das klare Verantwortliche beziehungsweise Schuldige kennt. Die entscheidende Parallele besteht darin, dass beide die Zahl der Akteure extrem reduzieren und so das politische Feld radikal vereinfachen. Sie lehnen die Annahme ab, dass es in einer modernen Demokratie eine Vielzahl von Handelnden gibt, deren Interessen und Intentionen sich teilweise widersprechen, teilweise aber auch überlappen.

Sie leiten ein internationales Team mit Wissenschaftlern aus 39 Ländern. Gibt es eigentlich eine Gruppe, die besonders empfänglich ist für Verschwörungstheorien?

Die quantitativ forschenden Kollegen sagen, dass es schwer sei, einzelne Faktoren wie Alter, Geschlecht oder Bildung zu finden. Wer qualitativ arbeitet und etwa untersucht, wer besonders viel über Verschwörungstheorien postet und kommentiert, der sieht dort vor allem Männer über 40. Das deckt sich auch mit meiner eigenen Erfahrung, wenn ich sehe, wer mir nach Vorträgen oder Interviews schreibt.

Haben Sie dafür eine Erklärung?

Verschwörungstheorien sind immer auch eine Antwort auf wahrgenommene Krisen oder Entwurzelungen. Männlichkeit ist zurzeit mehr in der Krise als Weiblichkeit und Männer haben mehr zu verlieren. Ihr Selbstbild leidet, wenn sie die Arbeit verlieren und die Familie nicht mehr ernähren können. Die Position, die man in der Gesellschaft hatte, scheint ist in Gefahr und da will man wieder hin. Gerade in den USA standen weiße Männer, auch jene mit geringer Bildung, zumindest immer über Afroamerikaner, Latinos und Frauen. Dass die meisten über 40 oder 50 sind, liegt daran, dass diese oft auf etwas zurückschauen, was angeblich besser war. Ich persönlich würde den Einfluss der Bildung nicht unterschätzen.

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Welche Rolle kann diese spielen?

Man fragt nicht, was die Leute gelernt haben. Wer etwas studiert hat, das über das Prinzip von Kausalitäten hinaus geht, also Sozial- oder Geisteswissenschaften, ist tendenziell weniger empfänglich als ein Physiker oder Ingenieur, wo die Mechanik stärker ist. Das ist eine intuitive Beobachtung, aber es spricht viel dafür.

Diese Frage hören Sie sicher oft: Was kann man tun, wo sollte man ansetzen?

Ich würde es begrüßen, wenn mehr Menschen in Schule und Universität die entsprechende "Gesellschaftskompetenz" oder social literacy, wie man sie neudeutsch nennen könnte, vermittelt würde. Ich sage nicht, dass es leicht ist, die Komplexität der Gegenwart zu erklären, denn das ist oft kompliziert und kontra intuitiv. Viele denken, dass die Leute sich abgesprochen haben, aber das ist nicht der Fall. Nach der US-Wahl 2016 war ich auf einer Veranstaltung, bei der neben mir zwei andere Amerikanisten das Phänomen Trump anhand des gleichen Modells erklärt haben. Da gab es keine Absprachen, wir gehören einfach der gleichen Generation an, die ähnlich alt ist und die gleichen Texte gelesen hat.

Wie steht es um die Medienkompetenz?

Ich bin immer wieder erstaunt, wie naiv auch kluge Studierenden mit Informationen umgehen, die sie im Internet finden. Ich halte es für einen Irrweg, dass alle Schüler programmieren lernen sollen. Es ist wichtiger, den jungen Leuten beizubringen, wie man Informationen klug beurteilt.

Warum empfehlen Sie, Verschwörungstheoretikern einfach mal zuhören?

Viele haben - und nicht ganz zu Unrecht - den Eindruck, dass sie außerhalb ihrer Echokammer nicht ernst genommen werden. Wenn ich nicht beleidigt werde, schicke ich auf kritische E-Mails zumindest kurze Antworten. Es ist mir vermutlich noch nie gelungen, jemanden in einem solchen Mail-Wechsel zu überzeugen. Aber oft war die Reaktion darauf, dass ich überhaupt geantwortet habe, so positiv, dass das schon ein erster, winziger Schritt sein kann, um dazu beizutragen, dass die Gesellschaft nicht weiter auseinander driftet.

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Michael Butters Sachbuch "Nichts ist, wie es scheint. Über Verschwörungstheorien" ist im Frühjahr im Suhrkamp-Verlag erschienen und kostet 18 Euro.