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Populismus:Verlust der Sicherheit

Der französische Geograf Christophe Guilluy über das Bedrohungsgefühl der Menschen in den Peripherien und die neue Spaltung der Gesellschaften in den europäischen Ländern und in den USA.

In Europa wie in den Vereinigten Staaten haben die Populisten vor allen Dingen in den Regionen Zulauf, die am weitesten von den globalisierten Metropolen entfernt sind. Die Peripherie, das sind in Frankreich die mittleren Städte, die Landbevölkerung. In Großbritannien ist es das "periphere Großbritannien", das für den Brexit gestimmt hat.

In diesen Gebieten zeigt sich der Austritt der Mittelklasse aus den Schichten, die früher ihre Identität ausmachten: Arbeiter, Angestellte, Kleinbauern, Kleinselbständige. Diese Schichten haben bei der Globalisierung mitgespielt, sie haben anfangs sogar das europäische Projekt unterstützt. Doch nach Jahrzehnten der Anpassung an die Normen der Weltwirtschaft, stellen sie nun fest, dass ihr Lebensstandard gesunken ist, dass die Arbeitsbedingungen prekärer geworden sind, dass es Massenarbeitslosigkeit gibt und dass der soziale Fahrstuhl feststeckt.

Ohne Regulierung eines Freihandels, der vor allem diese Gruppen und Regionen benachteiligt, geht dieser Prozess weiter. Deshalb ist es nun das Wichtigste, die Entwicklung eines Modells einer komplementären - nicht alternativen - Wirtschaft voranzubringen, die genau die Gegenden fördert und stützt, in denen Menschen besonders anfällig für sozialen Abstieg sind. Das setzt voraus, dass den kommunalen Verwaltungen mehr Macht und Verantwortung überlassen wird.

Mit der Annahme des globalisierte Wirtschaftssystems ist in den entwickelten Ländern das Modell des Multikulturalismus entstanden. Frankreich war da nicht besser oder schlechter als andere hoch entwickelte Länder. Europa wurde zu einer Gesellschaft nach US-Vorbild, mit ihren Spannungen und Identitätsängsten.

Allerdings gibt es nicht auf der einen Seite die, die sich öffnen, und auf der anderen die, die sich verweigern. Die oberen, gebildeten Schichten verfallen nicht dem Populismus, weil sie unsichtbare Grenzen ziehen können. Sie praktizieren die soziale und kulturelle Trennung durch die Wahl ihrer Wohnviertel und Schulen. Daher müssen sich gerade die Gebildeten von der unerträglichen Haltung moralischer Überlegenheit verabschieden.

Ich habe den Begriff "kulturelle Unsicherheit" eingeführt, um zu zeigen, dass vor allem in den ärmeren Schichten das Problem nicht so sehr das Verhältnis zu den anderen ist, sondern eine demografische Veränderung, die bei ihnen die Furcht auslöst, zur Minderheit zu werden, die soziale und kulturelle Errungenschaften einbüßt. Diese Angst betrifft alle unteren Schichten, egal welcher Herkunft, und sie beeinflusst das multikulturelle Zusammenleben.

Christophe Guilluy beschreibt in verschiedenen Büchern die Risse, die Frankreichs Gesellschaft durchziehen.