Populismus in Europa:Alexis Tsipras, der griechische "Wutfänger"

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Für den Griechen Alexis Tsipras wurde die Europawahl zum Triumph. Erstmals wird sein linkes Syriza-Bündnis zur stärksten Kraft, woraus Tsipras die Forderung ableitet, künftig bei allen wichtigen Regierungsangelegenheiten mitzureden.

Tsipras ist kein Euro-Skeptiker per se, aber er kritisiert die harten Spar- und Reformauflagen für sein Land vehement. "Griechenland war ein Versuchskaninchen", sagte Tsipras in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. "Mit dieser Schockdoktrin wollte man prüfen, wie viel ein Volk erträgt", meint der 39-Jährige, den sie in Griechenland auch einen "Wutfänger" nennen.

Denn Tsipras hat es in der Krise geschafft, den Stimmanteil seiner Partei Syriza so weit in die Höhe zu treiben, dass sie bei der Europawahl zur stärksten Kraft wurden und die regierenden Konservativen hinter sich ließen. Eigentlich ist Syriza ein Bündnis aus verschiedenen mehr oder minder radikalen linken Grüppchen und Gruppen, wobei keineswegs alle immer der Linie des Chefs folgen, etwa wenn er sagt: "Griechenland braucht Europa - und Europa braucht Griechenland".

Tsipras, der seine Karriere in der Kommunistischen Jugend begonnen hat, plädiert nicht für einen Euro-Austritt seines Landes. Er will aber die Politik der Euro-Zone ändern: mit einem "New Deal". Unter diesem Begriff hatte US-Präsident Roosevelt in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts bahnbrechende Reformen zur Wachstumsförderung eingeleitet. Zudem verlangt Tsipras eine europäische Schuldenkonferenz, um Schuldenschnitte für den Süden durchzusetzen.

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Alexis Tsipras, Chef der griechischen Syriza-Partei, in seinem Büro in Athen.

(Foto: AFP)

Für die Kanzlerin findet er kaum je ein gutes Wort. Er wirft Angela Merkel vor, einseitig deutsche Interessen zu verfolgen - auf dem Rücken der in die Verarmung getriebenen Griechen. Weitere Sparauflagen lehnt Tsipras grundsätzlich ab. Sollte Syriza die nur noch mit hauchdünner Mehrheit regierende Koalition aus Konservativen und Sozialisten in Athen demnächst ablösen, dann will Tsipras die mit den EU-Geldgebern bereits vereinbarten Sparprogramme aufkündigen.

Diese Fundamentalopposition ist populär. Der jugendlich wirkende Parteichef erscheint vielen Griechen als Hoffnungsträger, stolz, schlau und mutig. Kritiker im eigenen Land werfen dagegen Tsipras vor, seine Vorschläge, wie das Land dann Beamte und Behörden, Schulen und Krankenhäuser finanzieren soll, seien praxisuntauglich und naiv. Tsipras wiederum träumt von einer absoluten Mehrheit für Syriza, sieht sich schon fast auf dem Stuhl des Regierungschefs und fordert Neuwahlen. Dies ist zumindest wahrscheinlicher, als dass Tsipras EU-Kommissionspräsident werden wird. Seine Nominierung als Spitzenkandidat der Linken nennt er "symbolisch und schmeichelhaft". Christiane Schlötzer, Athen

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