Süddeutsche Zeitung

Populismus:Donald Trump - ein gefährliches Vorbild

Lesezeit: 3 min

Die USA sind schocktolerant - die EU aber nicht. Populisten werden Trumps Erfolg in Europa kopieren wollen.

Kommentar von Stefan Kornelius

Übergangszeiten stecken gelegentlich voller Zauber, aber immer voller Risiken. In der amerikanischen Politik ist der Übergang heute geradezu gefährlich, weil das durch die Machtübergabe erzeugte Vakuum Gefahren schafft. Es ist der ideologische Bruch zwischen der Obama-Präsidentschaft und der Trump-Präsidentschaft, der für heftige Turbulenzen sorgt. Die Luftfahrt kennt die Angst vor den Schleppwirbeln, die ein großer Düsenjet hinter sich herzieht. Die Vereinigten Staaten werden gerade von Turbulenzen durchgewirbelt, die zwei Klingonen-Kreuzer erzeugen: Donald Trump und Barack Obama sind Repräsentanten derart feindseliger Welten, dass es noch immer an ein Wunder grenzt, wie es die beiden mehr als eine Stunde lang im selben Raum ausgehalten haben.

Prinzipiell ist die Erwartung falsch, eine Machtübernahme müsse friedlich und geordnet verlaufen. Die Geschichte kennt vermutlich mehr Beispiele für das Gegenteil: Machtwechsel sind Zeiten der Abrechnung und der Maßlosigkeit. Der euphorisierte Sieger triumphiert über seinen gedemütigten Gegner, die alte Macht muss sich verabschieden von ihren Privilegien. Der Verlust von Autorität und Einfluss hat schon manche Politiker-Persönlichkeit zerstört.

Radikale Machtwechsel gehören in der amerikanischen Politik zur Regel, nicht zur Ausnahme. Man hätte Donald Trump schon alleine deshalb mehr Chancen einräumen müssen, weil die Wähler in den USA mit großer Zuverlässigkeit spätestens alle acht Jahre den radikalen Pendelschlag wollen. Hillary Clinton unterlag schon 2008 als irgendwie geartete Fortsetzung von George W. Bush gegen den Radikalentwurf Barack Obama in der Vorwahl der Demokraten. Nun verlor sie wieder, weil sie erneut die irgendwie geartete Fortsetzung einer in die Tage gekommenen Präsidentschaft versprach. Freilich gilt auch: So radikal wie jetzt war der Wechsel selten, so unberechenbar, so vulgär, so systemverachtend, so potenziell gefährlich.

Als Bill Clinton 1992 zum Präsidenten gewählt wurde, brauchte er geschlagene sechs Wochen für die erste Personalentscheidung. Konkurrierende ideologische Lager kämpften zwischen Little Rock und Washington um Gunst und Stimme. Dieses Spektakel bietet Donald Trump auch. Seine aufgehende Präsidentschaft flößt aber deswegen so viel Furcht ein, weil es keine Gewissheiten gibt. Trump fehlt es an Personal, es fehlt ihm an Erfahrung, es fehlt ihm an Charakter, und es fehlt ihm an einer politischen Linie. Die Staatengemeinschaft beobachtet den Blindflug ihres wichtigsten Mitglieds.

Die Zeit des Übergangs zu Trump fesselt die Welt deshalb so sehr, weil in einer magischen (und sehr langen) Sekunde die Gesetze der Politik außer Kraft gesetzt werden. Alles scheint möglich zu sein. Die USA mögen ihren hegemonialen Augenblick längst hinter sich haben. Ihr Präsident verfügt aber noch immer über eine unvorstellbare Kraft, mit Worten, Gesten und Fingerzeigen ganze Weltregionen zu destabilisieren - von der militärischen Macht ganz zu schweigen.

Über Trumps potenzielle Politik wird viel zu viel spekuliert. Sein Wahlkampf-Getöse steht im deutlichen Gegensatz zu den wenigen Sätzen, die er seit dem 8. November öffentlich sagte. Nun relativiert er, deeskaliert, feilt die Ecken und Kanten. Das ist ein gutes Zeichen. Andererseits wird es auf Wochen, gar Monate, unmöglich sein, die wahren Absichten dieses Mannes zu verstehen. Offenbar kennt sie nicht mal der künftige Präsident selbst.

Diese Verwirrung bietet allen Krisenopportunisten die Gelegenheit, mit ihrer eigenen Deutung Politik zu betreiben. Russland ließ bereits in der Wahlnacht wissen, wie nah man sich fühle am künftigen Präsidenten. Trumps unvorbereitetes Telefonat mit Wladimir Putin eröffnete eine Spekulations-Bonanza. Die Schockwellen schwappten von Vilnius bis Brüssel.

Dass der syrische Potentat Baschar al-Assad überhaupt die Chance ergreift und Trump eine Zusammenarbeit anbietet, zeugt vom Verfall von Autorität und Ansehen, unter dem die USA seit dem Wahltag leiden. Je länger die Phase der Ungewissheit dauert, desto größer wird der Verlust an Vertrauen und Einfluss sein.

Die größte Gefahr aber versteckt sich in der Haltung, die Trump und die Ideologen an seiner Seite an den Tag legen. Sie ist Vorbild und Maßstab für alle Populisten und Nationalisten vor allem in Europa, die von einer Revolution gegen das hergebrachte System träumen und sich die große Verunsicherung der Menschen in hochkomplexen und überkommunizierten Zeiten zunutze machen.

Trump hat gezeigt, wie man durch die schiere Kraft der Suggestion die Massen fesselt. Sein Ein-Mann-Kreuzzug gegen Hillary Clinton, die eigene Partei, Washington und den Rest der Welt wird studiert und kopiert werden. Die Mischung aus totaler Delegitimierung der Gegner, System-Hass und wilden Versprechungen ohne Auto-Korrektur wird ihre Wirkung auch im französischen und deutschen Wahlkampf entfalten.

Anders als die großen und nach wie vor schocktoleranten Vereinigten Staaten wird Europa eine Marine Le Pen aber nicht aushalten, das wäre das Ende der Europäischen Union. Das wissen alle von Nigel Farage bis Wladimir Putin, die den europäischen Staatenverbund zerstört oder schwach sehen wollen. Das Symbol Trump ist also möglicherweise eine größere Gefahr für Europa als für die USA selbst.

Barack Obamas Zufallsbesuch in Athen und Berlin zum Ende seiner Amtszeit war aus all diesen Gründen aufgeladen mit unendlicher Symbolik. Die tatsächliche Wirkung der Reise steht freilich im krassen Gegensatz dazu. Hier geht der gute Amerikaner, der vielleicht so europäisch war in Denken und Handeln wie keiner seiner Vorgänger der Nachkriegszeit. Obama hat sich und seinem Land Grenzen aufgelegt, er hat an die Bedeutung von Regeltreue geglaubt und akzeptiert, dass einige der Probleme dieser Zeit von Amerika nicht zu lösen sind, auch nicht militärisch. Dieses Maß an Selbstbescheidung kann man von Donald Trump nicht erwarten. Die Bedeutung des nächsten Präsidenten liegt darin, dass er der Anti-Obama ist.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3255973
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 19.11.2016
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.