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Populismus:Die heimliche Klammer zwischen ganz rechts und ganz links

MAISCHBERGER

AfD-Bundesvorsitzende Frauke Petry (links im Bild) und Sahra Wagenknecht, Fraktionsvorsitzende der Linken, bei einer Fernseh-Talkrunde im September 2016.

(Foto: WDR/Max Kohr)

Ein Doppelinterview mit Rechtspopulistin Petry und Linken-Fraktionschefin Wagenknecht zeigt, wie sehr sich linker und rechter Rand angenähert haben. Die Gemeinsamkeiten sind groß - und gefährlich.

Was macht eigentlich ein linkes Weltbild aus? Oder anders gefragt: Warum haben ganz Linke in Europa plötzlich alle Not, sich von ganz Rechten unterscheidbar zu machen?

In Frankreich ist das so, wo der linkssozialistische Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon jetzt sehr umständliche Reden halten muss, um zu erklären, warum seine Europaskepsis eine andere sein soll als die des Front National. In Großbritannien warb der ultralinke Labour-Chef Jeremy Corbyn so verhalten gegen den Brexit, dass Teile seiner Partei unversehens im Boot von Nationalisten und Fremdenfeinden landeten. Und in Deutschland trifft sich die ganz linke Sahra Wagenknecht zum Interview-Gespräch mit der völkisch angetörnten AfD-Chefin Frauke Petry - und schwups, heraus kommt ein Plauderstündchen statt Streit.

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Die einstigen Antagonismen wirken seltsam nah beieinander

An den äußersten Rändern des politischen Spektrums in Europa scheint sich mit einem Mal ein Kreis zu schließen. Kommunisten gegen Faschisten, Völkerfreundschaft kontra Nationalismus, links gegen rechts - die einst mächtigen Antagonismen, die den Kontinent auseinandergetrieben haben, wirken plötzlich seltsam nah beieinander. Im Fall von Wagenknecht und Petry: wie ein altes Ehepaar. Man mäkelt zwar aneinander herum, aber im Kern, na ja, man kann miteinander leben.

Wer sich nun fragt, was Rechte und manche Linke - es sind nicht alle - neuerdings verbindet, kann den Begriff "neuerdings" eigentlich streichen. Neu ist das Phänomen nicht. Schon in der Weimarer Republik gab es Schnittmengen zwischen Kommunisten und Faschisten, im Sozialen wie im Nationalen. So warb die NSDAP erfolgreich um Kleinbürger und Arbeiter, indem sie Abstiegsängste schürte. Unter Kommunisten wiederum entstand der Nationalbolschewismus. Er deutete völkerverbindenden Klassenkampf zum national konnotierten "Volkskampf" unterdrückter Massen um. Das richtete sich gegen das Kapital, das intellektuelle Bürgertum, versteckt auch gegen Juden. Und gegen die als verweichlicht, westlich, mithin als fremd empfundene Weimarer Demokratie.

"Wir geben nichts für Fremde", so die heimliche Gemeinsamkeit

Nun hinken historische Vergleiche oft. Aber der Blick ins Geschichtsbuch hilft zu verstehen, warum Europas Linke sich heute so schwertut, der rechtspopulistischen Umklammerung zu entkommen: Weil sozialer Frust und Nationalismus Brüder im Geiste sein können, gefährliche Brüder, zumal in Flüchtlingszeiten. Beim Europakongress der Linken in Berlin beschworen etliche Redner neulich das Elend der Jugendarbeitslosigkeit im Süden des Kontinents - und priesen im gleichen Atemzug die Nation als letzten Rückzugsort in einer unwirtlichen, undemokratischen Europäischen Union. Nur im Gärtlein des Nationalen, so ihre Botschaft, könnten linke Utopien noch gedeihen. Ein Redner riet sogar, die EU-Verträge zu kündigen, und mit den Visegrád-Staaten ein neues Bündnis zu schmieden. Ausgerechnet mit den fremdenfeindlichsten Staaten Europas.

Der Rückzug aufs Nationale mag opportun erscheinen, weil man hofft, Rechtspopulisten Stimmen wegzufischen. Aber er ist nur um den Preis von Ressentiment zu haben. "Wir geben nichts für Fremde", heißt die heimliche Klammer zwischen ganz rechts und ganz links in Europa. Die deutsche Linke aber kann sich eine solche Haltung nicht leisten. Anders als in Italien oder Frankreich, wo ein Kommunist auch prima Nationalist sein kann, ist Sozialismus in Deutschland ohne Internationalismus nicht denkbar. Eine der deutschen Lehren nach 1945 war neben "Nie wieder Krieg" die radikale Abkehr von jeder nationalen Hybris. Wer das vergisst und es heute versäumt, unmissverständlich für Solidarität zu werben in Europa, auch mit den Schwächsten, den Flüchtlingen, kann den linken Laden gleich dichtmachen.

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