Pomadige Befehlshaber So kurios verloren Österreichs Feldherren wichtige Schlachten

Übermut, Naivität, Missverständnisse: Sachbuchautor Hans-Dieter Otto darüber, wie skurril Österreichs Militär immer wieder wichtige Schlachten verpatzte.

Interview: Oliver Das Gupta

Österreich war mal sehr groß, heute ist es das nicht mehr. Aus der europäischen Großmacht wurde ein kleiner Staat, der militärisch wie politisch kaum noch eine Rolle spielt - ein Ergebnis des Ersten Weltkriegs, in dem das österreichisch- ungarische Militär gleich zu Beginn verheerende Niederlagen erlitt. Schuld war die pomadige Überheblichkeit des militärischen Befehlshabers Conrad von Hötzendorf. Aber es gibt auch noch weitere Beispiele in der rot-weiß-roten Militärgeschichte, in denen gravierende Missgeschicke und eklatante Fehleinschätzungen zu militärischen Desastern führten. Sachbuchautor Hans-Dieter Otto beschreibt in seinem jüngst erschienenen Buch ("Verpasste Siege", Residenz Verlag) Beispiele austriakischer Feldherrenfehler. Zur Militärgeschichte kam Otto durch eigene traumatische Erlebnisse: Der Jurist erlebte den Bombenkrieg und die Stunde null 1945 in Berlin: "Das war für einen Achtjährigen wie ein Weltuntergang."

Darsteller in Uniformen der österreichischen Armee spielen 2002 in Welschingen (Landkreis Konstanz) die Schlacht nach, die sich einst am selben Ort zugetragen hat. Am 3. Mai 1800 kämpften dort Zehntausende Franzosen und Österreicher, nachdem Napoleons Truppen über den Rhein gedrungen waren. Die zahlenmäßig unterlegenen Österreicher mussten sich zurückziehen - bei dieser Schlacht ist kein taktisches Versagen bekannt.

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SZ: Herr Otto, haben Sie inzwischen herausgefunden, warum Österreichs Militär immer wieder längst gewonnene Schlachten am Ende verpatzt hat?

Hans-Dieter Otto: Da gibt es hauptsächlich zwei Gründe. Zum einen hatten die Österreicher einige Male das Pech, auf gegnerische Feldherren zu treffen, die zu den größten ihrer Zeit zählten und ihnen strategisch und vor allem taktisch überlegen waren. Friedrich II. von Preußen war einer. Und Napoleon Bonaparte, der Kaiser der Franzosen, ein anderer.

Und die zweite Erklärung?

Die hängt wohl doch ein wenig mit der damals vorherrschenden österreichischen Mentalität und generell eher gemütlichen Lebensart zusammen. Bequemlichkeit, Betulichkeit, Eitelkeit: Dazu neigten Generäle und hohe Offiziere immer wieder. Ihre Führungsschwäche war mitunter eklatant. Da konnten die einfachen Soldaten noch so tapfer kämpfen. Aber die Österreicher haben auf dem Schlachtfeld auch glänzende und glorreiche Siege errungen. Und sie hatten auch hervorragende Feldherren, wie zum Beispiel den Prinzen Eugen während der Türkenkriege.

Aber der war ja eigentlich Franzose.

Das waren nicht alles Pfeifen, es gab auch ein paar andere große Strategen. Doch es stimmt schon, viele der österreichischen Feldherren waren eher Salon- als Kampflöwen, die im Ernstfall schmählich versagten.

Ein Beispiel, bitte.

Der Feldmarschall-Leutnant Karl Mack von Leiberich führte die kaiserliche Armee im Herbst 1805 bemerkenswert schlecht. Mit seinen falschen Entscheidungen trug er wesentlich zur Niederlage bei Ulm bei. Seine Feindaufklärung war miserabel. Als ihn Nachrichten erreichten, dass Napoleons Truppen aus mehreren Richtungen auf Ulm marschierten, um die Stadt und die österreichische Hauptstreitmacht einzukreisen, blieb Mack in Ulm, statt sich rechtzeitig zurückzuziehen und seine Soldaten zu retten. Mack vertraute vom französischen Geheimdienst lancierten Meldungen, die Engländer seien bei Boulogne gelandet, in Paris sei eine Gegenrevolution ausgebrochen und Napoleon würde eiligst in die Heimat zurückkehren. Nun hatten die ausmanövrierten Österreicher keine Chance mehr. Mack musste schnell kapitulieren. Zehntausende seiner Soldaten und 26 Generäle gerieten in Gefangenschaft, ohne auch nur einen einzigen Schuss abgegeben zu haben.

Was geschah mit Mack?

Napoleon ließ ihn laufen, so, als ob er ihn gar nicht ernst nahm. In Wien wurde Mack vor ein Kriegsgericht gestellt und zum Tode verurteilt. Aber der Kaiser begnadigte ihn. Nach einigen Jahren wurde Mack vollständig rehabilitiert.

In welchen Fällen scheiterten die Österreicher an ihrer Betulichkeit?

Nehmen Sie die Schlachten zwischen Österreichern und Preußen wie die von Leuthen 1757 und Hohenfriedeberg 1745. Während Friedrich bei seinen Soldaten saß und mit ihnen Suppe löffelte, machte es sich der österreichische Feldherr Prinz Karl fernab der Truppe in einem Schloss bequem. Er hielt Distanz, weil das standesgemäß war. Über die Lage ließ er sich von Boten berichten und entschied dann meistens auf der Grundlage von veralteten Informationen.

Wie machte es der Alte Fritz?

Friedrich führte vorn. Er hatte so einen viel schnelleren und besseren Überblick und konnte deshalb zügig dirigieren und reagieren. So wie bei Leuthen, als er kurz vor Beginn der Schlacht einen Fehler in der Aufstellung seiner Truppen erkannte und sie schleunigst umformierte, um gegen die zahlenmäßig weit überlegenen Österreicher überhaupt eine Chance zu haben. Um in einer Schiefen Schlachtordnung eine bessere Angriffsposition zu erreichen, riskierte er einen gewagten, zwei Stunden dauernden Flankenmarsch vor den Augen des Feindes und direkt an ihm vorbei!

Friedrich der Große

Fritzens Leben im Comic-Vorläufer