Rassismus und Gewalt:Das Dilemma des Hinschauens

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Wieder kommen Polizisten in den USA mit der Tötung einer schwarzen Frau davon. Unsere Kolumnistin fragt sich immer öfter: Wie ist es in dem systemischen Ausmaß der strukturellen, rassistischen Gewalt noch möglich, jedes Opfer einzeln zu würdigen?

Kolumne von Carolin Emcke

Pictures are seen placed at a makeshift memorial for victims of racial injustice, following the announcement of a single indictment in the Breonna Taylor case, in the Brooklyn borough of New York City

Ein Ort des Gedenkens in Brookly, New York

(Foto: REUTERS)

"Say their names" heißt es, auf Demonstrationen der "Black Lives Matter"-Bewegung oder im Netz, "Nennt ihre Namen", die schwarzen Opfer von Polizeigewalt sollen nicht vergessen werden, an jeden einzelnen Menschen soll gedacht, jeder soll erinnert werden. Und so werden ihre Namen genannt, auf Protestmärschen, bei Reden in Kirchen und Gemeinden, in Texten und Büchern: Trayvon Martin, Michael Brown, Eric Garner, Tamir Rice, Sandra Bland, Breonna Taylor, George Floyd. Jede Woche, jeden Monat, jedes Jahr kommen neue Namen hinzu, sie reihen sich aneinander, noch eine und noch einer und noch eine, nicht alle bleiben im kollektiven Gedächtnis. Aber sie werden registriert: Die amerikanische Zeitung Washington Post hat eine eigene Datenbank für tödliche Polizeigewalt angelegt, "Fatal Force", da gibt es eine Zeitleiste und Name folgt auf Name. Landesweit sind es demnach etwa 1000 Opfer, tatsächlich jedes Jahr, seit sie zu zählen begonnen haben, nach dem Tod von Michael Brown im Jahr 2014. Darunter überproportional viele Schwarze. Ihr Anteil an der amerikanischen Bevölkerung liegt bei 13 Prozent, aber sie werden doppelt so häufig durch einen Polizeieinsatz getötet wie weiße Amerikaner.

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