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Polizei räumt Occupy-Camp in Frankfurt:Spaghetti und 160 Liter Wandfarbe

Es gab einen Moment, in dem alles hätte kippen können: Bei der Räumung des Frankfurter Occupy-Camps schleudert ein Aktivist Eimer mit Farbe auf die Polizisten. Doch die Einsatzkräfte reagieren besonnen, besorgen sich Schutzanzüge und tragen die Demonstranten nach und nach weg. Die Bankenkritiker wollen gegen das Verbot ihrer "Blockupy"-Aktionstage jetzt vor das Bundesverfassungsgericht ziehen.

Marc Widmann, Frankfurt

Um neun Uhr marschiert der Einsatzleiter der Polizei ins Frankfurter Occupy-Zeltlager. Seit einer Stunde schon gilt die Verbotsverfügung der Stadt, gleich wird geräumt, aber vorher gibt es noch ein paar letzte Fragen zu klären. "Dürfen wir uns unterhaken oder festhalten?", fragt ein junger Aktivist mit durchstochener Unterlippe.

"Passiver Widerstand ist erlaubt", sagt der Polizist, "aber keine Körperverletzung oder Beleidigungen." "Alles klar, dankeschön", entgegnet der Protestler. "Bitteschön", sagt der Beamte. Der Tag in Frankfurt, er beginnt durchaus entspannt.

Um Viertel vor zehn rücken sie dann an, einige Hundert Polizisten in Dunkelblau, die nun das größte Occupy-Zeltlager in Deutschland räumen werden. Es liegt direkt neben der Europäischen Zentralbank (EZB) und muss für vier Tage einer Schutzzone weichen - weil bis Samstag Zehntausende linke Demonstranten in Frankfurt erwartet werden, um das Bankenviertel zu blockieren, lahmzulegen, zu "fluten", wie sie im Netz ankündigen. Deshalb soll Occupy weichen.

Seit Oktober steht die kleine Zeltstadt direkt vor der EZB, im Winter war es still geworden um die wenigen Verbliebenen, denen nachts im Küchenzelt die Milch gefror. Aber jetzt, zur Räumung, sind wieder mehr als 200 Aktivisten gekommen.

Farbregen vor der EZB

Viele haben sich auf den Boden gesetzt und untergehakt, ein paar trommeln zu den "Wir bleiben hier"-Rufen, und dann gibt es da noch drei Planschbecken, gefüllt mit 160 Liter Wandfarbe in rosa und hellgrün: Ein Dutzend Aktivisten plantscht darin. Sollen die Polizisten doch wenigstens bunt werden, wenn sie die Protestler wegtragen.

"Macht die Spaghetti-Technik", brüllt der bärtige Aktivist am Lautsprecher, "nehmt alle Spannung aus eurem Körper, dann bindet ihr mindestens vier Polizisten." Und als es losgeht, hängen da tatsächlich auf einmal viele Spaghetti im Camp. Die Polizisten ächzen und schnaufen, wenn sie einen Aktivisten samt Rucksack hochhieven müssen. Eine halbe Stunde lang wirkt alles friedlich.

Doch dann gibt es einen kurzen Moment der Panik an diesem Morgen, als die vielen Fotografen und Kameraleute plötzlich rennen und sich in Sicherheit bringen. Der Angriff kommt aus einem der Planschbecken, ein Aktivist füllt Eimer mit Farbe, immer wieder, und schleudert sie in die Menge, auf Demonstranten, Reporter, Polizisten. Ein gewaltiger Farbregen geht nieder vor der EZB, kaum einer bleibt trocken, und als er vorbei ist, sehen viele Polizisten aus wie moderne Kunstwerke. Ein Kameramann wischt fluchend über sein Gerät.

Ein Moment war das, in dem etwas hätte kippen können, aber es kippt nichts. "Die Polizei verhält sich sehr, sehr gut", ruft der bärtige Aktivist in sein Mikrofon, "das ist hier relativ locker." Bald darauf kommen einige Beamte in weißen Schutzanzügen und nehmen die Farbschleuderer aus dem Planschbecken vorläufig fest.

Frankfurt gleicht einer Festung

"Es gab hier und da ein paar Scharmützel", sagt ein Polizeisprecher um elf Uhr, als auch der letzte Aktivist weggetragen ist, der sich mit einem Fahrradschloss an eine Parkbank gekettet hat; als nur noch eine gewaltige Farbpfütze an die Sitzblockade erinnert. "Unterm Strich war alles im grünen Bereich", sagt der Polizist. Am Sonntag, wenn die Protesttage vorbei sind, sollen die Protestler wieder ins Zeltlager dürfen, so verspricht es die Polizei.

Bis dahin jedoch wird Frankfurt einer Festung gleichen. Etwa 5000 Polizisten sind täglich im Einsatz, um Ausschreitungen gewaltbereiter Autonomer zu verhindern, wie sie die Behörden erwarten. Viele Geschäftsinhaber schließen vorsichtshalber ihre Läden, vor den Banken sind Absperrungen und Sicherheitspersonal mit Knopf im Ohr zu sehen. Die Stadt hat zwei U- und S-Bahnhöfe im Bankenviertel sicherheitshalber stillgelegt. Sie hat Angst vor bis zu 2000 Randalierern, die angeblich aus halb Europa anreisen sollen. Deshalb hat die Stadt alle Veranstaltungen der Blockupy-Tage verboten. Ein Verbot, das das oberste hessische Verwaltungsgericht am Mittwoch weitgehend bestätigte. Die Aktivisten wollen nun vor das Bundesverfassungsgericht ziehen. Der Streit vor Gericht geht weiter.

Als einer der letzten verlässt um elf Uhr der Bärtige mit dem Mikrofon das Occupy-Camp. Ehe er geht, gibt er seinen Mitaktivisten noch einen Spruch mit auf den Weg: "Heute ist Räumungstag", sagt er, "nicht Aufgebtag."

© Süddeutsche.de/ehr/olkl

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