Dortmund:"Ich habe Angst vor der Polizei - leider"

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Dortmund: "Rest in Power": Vor einem Innenhof in der Dortmunder Nordstadt erinnern Kerzen an einen 16-jährigen Jugendlichen, der nach einem Polizeieinsatz dort starb.

"Rest in Power": Vor einem Innenhof in der Dortmunder Nordstadt erinnern Kerzen an einen 16-jährigen Jugendlichen, der nach einem Polizeieinsatz dort starb.

(Foto: Bernd Thissen/dpa)

Der Polizei in Dortmund wird nach den tödlichen Schüssen auf einen 16-Jährigen routinemäßiger Rassismus vorgeworfen. Juristen verlangen weitergehende Untersuchungen.

Von Christian Wernicke , Düsseldorf

Vor dem schäbigen Zaun, der den Weg zum Innenhof versperrt, flackern Kerzen. Blumen liegen neben einem kleinen, graugrünen Kranz. "Rest in Power" hat jemand aufs Pflaster geschrieben, und "4evr". Dort drinnen, im Hof der Sankt-Antonius-Gemeinde mitten in der Dortmunder Nordstadt, ist am späten Montagnachmittag Mouhamed D. erschossen worden, der 16-Jährige aus Senegal: Den Geflüchteten hatten fünf Kugeln aus dem Lauf der Maschinenpistole eines Polizisten getroffen - jeweils eine im Bauch und im Kiefer, drei weitere rissen Wunden in Schulter und Unterarm. Der Junge starb kurz darauf im Krankenhaus.

Warum der 29-jährige Polizist abdrückte, weshalb Mouhamed D. tot ist - das untersucht nun die Staatsanwaltschaft Dortmund. Die Vernehmungen wegen des Verdachts der "Körperverletzung mit Todesfolge" führt die Polizei aus dem Nachbarpräsidium in Recklinghausen. Auf diese Weise, so das NRW-Innenministerium, werde "die Neutralität der Ermittlungen" sichergestellt.

"Mörder, Mörder", rufen Demonstranten vor der Polizeiwache

In der Nordstadt mag das kaum jemand glauben. "Mörder, Mörder," riefen am Dienstagabend ungefähr 250 Demonstranten, die nach Bekanntgabe der Obduktionsergebnisse vor die "Nordwache" ziehen wollten - das für Dortmunds "Innenstadt-Nord" zuständige Polizeirevier. Ein Kordon behelmter Polizisten stoppte die Empörten, nach zwei Stunden verhallte der Protest.

Aber die Wut sitzt tief. Zum Beispiel bei William D., den die Ruhr-Nachrichten während der Demonstration interviewten. William D. kam vor Jahren aus Kamerun und bezeugt als Person of Colour: "Ich habe Angst vor der Polizei - leider." Er werde weit häufiger und schärfer kontrolliert als hellhäutige Bewohner des Stadtteils, in dem 60 000 Menschen aus mehr als 150 Nationen leben. Zwar habe er auch in anderen Dortmunder Quartieren gelebt - aber in der Nordstadt gehe die Polizei "viel schlimmer" und "viel rassistischer" vor.

Viele Menschen im Quartier misstrauen den Ordnungshütern. Zwischen Borsigplatz und Hafen geht die Frage um, warum elf Polizistinnen und Polizisten gegen einen Jugendlichen kein anderes Mittel mutmaßlicher Notwehr fanden als eine Maschinenpistole. Ein Betreuer aus der Jugendwohngruppe, bei der das Opfer untergekommen war, hatte Hilfe angefordert: Mouhamed D. hielt ein Messer in der Hand, wirkte psychisch labil - und soll plötzlich seine Waffe gegen einen Beamten gerichtet haben. Da fielen die Schüsse. Den genauen Tathergang untersucht nur Oberstaatsanwalt Carsten Dombert. Der Tod des Jugendlichen sei "ein ungewöhnlicher Fall, der besonderer Sensibilität bedarf," sagt der Jurist - weshalb er "keine weiteren Auskünfte zu den Ermittlungen" erteilt. Dombert bittet um "drei bis vier Wochen" Geduld.

Derweil verlangen andere Juristen weitergehende Untersuchungen: Der Deutsche Anwaltsverein etwa fordert nun unabhängige Beschwerdestellen mit eigener Kompetenz zu Ermittlungen gegen Polizisten. Die NRW-Lösung, dass benachbarte Polizeibehörden sich gegenseitig prüfen, gerät gerade in Verruf: Recklinghausen prüft nun den Tod von Mouhamed D. - und gleichzeitig durchleuchten Dortmunder Beamte das Vorgehen ihrer Kollegen in Recklinghausen: Am Wochenende war dort ein 39-Jähriger nach einem Polizeieinsatz mit Pfefferspray gestorben.

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