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Indien:Wut auf die Gewalt

AMRITSAR, INDIA - JUNE 5: Punjab Police personnel deployed outside the Golden Temple on June 5, 2020 in Amritsar, India.

Polizisten auf dem Platz vor dem Haupteingangstor zum Goldenen Tempel in Amritsar im indischen Bundesstaat Punjab: Die Statistik zeigt, dass Polizisten bei Fehlverhalten selten Strafe fürchten müssen.

(Foto: Hindustan Times/imago)

In Indien herrscht Frust darüber, dass brutale Polizisten fast immer ohne Strafe davonkommen. Der Tod zweier Männer könnte nun Folgen haben.

Von Arne Perras, Singapur

Der Furor in Indiens sozialen Medien ebbt nur langsam ab, auch wenn es nun so aussieht, als würde die Justiz doch endlich handeln. Fünf Polizisten in Südindien werden des Mordes angeklagt, weil sie mutmaßlich gefoltert und zwei wehrlose Menschen getötet haben. Die Namen der Opfer sind im ganzen Land bekannt: Jayaraj, 62, und Fenix, 32. Ein Vater und sein Sohn, die im Distrikt Thoothukudi (Tuticorin) lebten. Sie betrieben dort einen Mobilfunkladen, bevor sie mit der Polizei in Streit gerieten und schließlich über Nacht auf der Wache festgehalten wurden. Dort erlitten sie so schwere Verletzungen, dass sie zwei Tage später starben.

Das Schicksal der beiden Männer hat die Inder aufgewühlt, Bürger drücken online ihren Zorn aus über das mutmaßliche Verbrechen. Und es herrscht Frust darüber, dass Polizisten trotz brutaler Gewalt fast immer ohne Strafe davonkommen. Seit Jahrzehnten tut der Staat sehr wenig, um daran etwas zu ändern. Die indische Kriminalstatistik listet zwischen 2001 und 2018 im Polizeigewahrsam 1721 Todesfälle auf, doch hat es im gleichen Zeitraum nur 26 Verurteilungen von Tätern in diesen Fällen gegeben. Gleichzeitig beklagt das Bündnis National Campaign against Torture (NCAT), dass drei von vier Todesfällen in Polizeiwachen auf Folter zurückzuführen sind. Das zeigt: Indiens Polizisten haben Strafe selten zu fürchten, es wird getrickst und vertuscht, zu Lasten der Gerechtigkeit.

Im Falle von Jayaraj und Fenix soll es nun anders kommen, was dem wachsenden öffentlichen Druck zu verdanken ist, nachdem sich auch Filmstars und bekannte Cricket-Spieler einmischten und Gerechtigkeit für die beiden Männer forderten. Nach den Protesten gegen Polizeigewalt in den USA weitet sich also auch in Indien die Debatte über die Exzesse aus. Tag für Tag haben die Medien neue Details über das Verbrechen an den Männern Jayaraj und Fenix ans Licht gebracht, die öffentlich nur mit je einem Namen genannt werden.

Stundenlange Prügel

Alles begann offenbar mit einer Nichtigkeit am Abend des 18. Juni. Eine Polizeipatrouille hatte die beiden dabei ertappt, dass ihr Geschäft 15 Minuten nach der offiziellen Corona-Ladenschlusszeit noch geöffnet war. Die Polizisten verwarnten die Händler, was den beiden nicht gefiel. Es heißt, Jayaraj habe begonnen, auf die Ordnungshüter zu schimpfen, was diese zunächst nicht mitbekamen, dann aber erfuhren, als es ein Zeuge der Polizei meldete.

So kamen die Beamten tags darauf wieder und nahmen Jayaraj mit auf die Wache. Als dessen Sohn davon erfuhr, eilte er hinterher. Bald schaukelte sich die Lage weiter auf, wie aus anonym zitierten Polizeiquellen hervorgeht. Angeblich begann einer der Polizisten, den Vater zu schlagen, der Sohn versuchte, ihn zu schützen. "Das hat das Polizeiteam provoziert", zitierte der Indian Express einen Polizisten, der Kenntnisse von den Vorgängen hat. Er sprach darüber, wie es weiterging: "Sie prügelten Vater und Sohn stundenlang."

Die Rivalität zwischen Kasten könnte eine Rolle gespielt haben

Morgens wurden die Geschundenen schließlich einem Richter vorgeführt, der wegen Corona offenbar großen Abstand hielt und auf seine Pflicht verzichtete, die beiden auf Verletzungen untersuchen zu lassen. Ihm reichte es, dass sie noch laufen konnten. Sie wurden wegen "Ungehorsam und Einschüchterung" in ein Gefängnis eingewiesen. Wie schwer ihre äußeren und inneren Verletzungen am Unterleib zu diesem Zeitpunkt schon gewesen sein müssen, ließ sich daran erkennen, dass sie mindestens sieben Mal die Kleidung wechseln mussten, weil sie so stark rektal bluteten. Erst zwei Tage später brachte man sie ins Krankenhaus, doch da war es schon zu spät, um ihr Leben zu retten.

Die Autopsieberichte reichten aus, um eine Mordanklage zuzulassen, wie ein höheres Gericht inzwischen erklärte. Eine weibliche Beamtin, die als Zeugin über die grausamen Taten aussagen soll, wurde unter Schutz gestellt. Ein rassistisches Motiv wie in den USA war im Fall von Jayaraj und Fenix zunächst nicht zu erkennen, allerdings gibt es Hinweise, dass womöglich die Rivalität zwischen Kasten eine Rolle gespielt haben könnte. Brutalität und Überheblichkeit der Polizei im Bundesstaat Tamil Nadu seien notorisch, und diese spiele sie vor allem gegen "hilflose Arme und Marginalisierte" aus, schrieb das Magazin The Wire über den Fall.

© SZ vom 06.07.2020/saul/cat
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