bedeckt München 26°

Politische Stimmung:Plötzlich eine Klartext-Kanzlerin

Dann, am Montag, den 24. August, legte Merkel den Hebel um. Sie verdammte die ausländerfeindlichen Auswüchse. Später, als sich Kriegsflüchtlinge zu Tausenden in Ungarn und an der Grenze zu Österreich sammelten, öffnete sie die Grenzen - und hebelte damit das Dublin-III-Abkommen aus.

Damit verprellte sie Parteifreunde, allen voran die CSU. Kritik aus Bayern moderierte sie nicht wie bisher wolkig ab, sondern hielt frontal dagegen ("...dann ist das nicht mein Land").

Viele hat das überrascht: Aus der vage formulierenden Politikerin ist plötzlich eine Klartext-Kanzlerin geworden. Merkel, der man vorwarf, Beliebtheit durch Beliebigkeit erreicht zu haben, eckt nun an. Das Ergebnis zeigt sich in Umfragen. Es geht abwärts.

Konkurrenten gestärkt

Mit Merkels Popularitätsschwund geht die wachsende Zustimmung für einige Gegenspieler einher.

Da ist etwa ihr Parteifreund, der Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach. Der Law-And-Order-Mann war beim Politbarometer bislang gar nicht aufgeführt; nun hat er Merkel sogar überholt.

Bosbachs Aufstieg wird der Kanzlerin nicht gefallen: Der konservative Rheinländer stemmt sich seit längerem gegen die Griechenlandpolitik Merkels, Bosbach stimmte im Bundestag gegen die letzten Rettungspakete für Athen. Alle Versuche der CDU-Spitze, Bosbach einzubinden oder zu isolieren, schlugen fehl.

Ebenso Sorge muss der Kanzlerin der wachsende Zuspruch für einen Rivalen ums Kanzleramt bereiten. Die Spiegel-Umfrage sieht Außenminister Frank-Walter Steinmeier als beliebtesten Politiker der Republik.

Es ist das erste Mal in dieser Legislaturperiode, dass ein Sozialdemokrat diese Liste anführt. Das Politbarometer sieht den SPD-Kanzlerkandidaten von 2009 auf Platz 2. Steinmeier gilt auch als möglicher Frontmann für die nächste Bundestagswahl.

Auch CSU-Chef Horst Seehofer kann sich angesichts der Umfragewerte freuen. Seine harte Linie scheint bei manchen Deutschen so gut anzukommen, dass seine Popularität in der Spiegel-Umfrage um sechs Punkte steigt. Das stärkt ihn wohl darin, Krawall mit Merkel zu suchen. Der Ober-Bayer hat in den vergangenen Wochen seine Partei auf Konfrontation zur Kanzlerin ausgerichtet. Diejenigen, die da nicht so recht mitziehen wie Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt, werden entsprechend abgewatscht (hier mehr dazu).

Wachsender Zuspruch für Kretschmann und Gabriel

Um denselben Wert verbessert sich auch Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der in seiner Partei das Ja zur umstrittenen Ausweitung der sicheren Herkunftsländer durchsetzte (hier mehr dazu).

Das bedeutet offenkundig nicht, dass die Bevölkerung maßgeblich auf einen flüchtlingskritischen Kurs schwenkt. Eine deutliche Mehrheit zeigte sich im Politbarometer zuversichtlich, dass die Republik die Aufnahme auch von einer großen Menge von Flüchtlingen gut verkraftet.

Entsprechend liegt es auch nahe, dass die Deutschen Sigmar Gabriels Engagement in der Flüchtlingskrise goutieren. Der Zuwachs des Sympathiewerts für den Bundeswirtschaftsminister und Vizekanzler fällt noch größer aus als bei Seehofer.

Der SPD-Chef war es, der vor Merkel nach Heidenau fuhr, als eine bräunliche Meute gegen Flüchtlinge randalierte. Gabriel bezeichnete die Ausländerfeinde damals als "Pack". Zuletzt reiste er in ein syrisches Flüchtlingscamp in Jordanien (hier eine SZ-Reportage dazu).

Die Kanzlerin sollte gewarnt sein: Wenn sie und Seehofer das frostige unionsinterne Klima auf Dauer nicht mehr auf eine behagliche Temperatur bringen, könnte das nicht wenige von der SPD einst gewonnene Wähler wieder dorthin zurücktreiben.

© SZ.de/dd/plin/cmy

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite