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Politische Morde:Blutige Botschaften von ganz oben

Im Auftrag der Politik getötet (von oben): die Journalistin Anna Politkowskaja, der Ex- Spion Alexander Litwinenko und der Schriftsteller Georgi Markow (links). Jamal Khashoggis Tod ist noch nicht aufgeklärt. Fidel Castro (rechts) überlebte viele Attentate.

(Foto: AFP, Reuters (2), dpa, AP; Collage: SZ)
  • Die politisch motivierte Ermordung von Missliebigen ist seit Jahrtausenden dokumentiert.
  • In vielen Fällen fehlt ein konkretes, schlüssiges Motiv. Vielmehr geht es um Hass, Abschreckung und Machtdemonstration.
  • Heute ist es leichter, solche Taten aufzuklären.

Keiner hat besser überlebt, und nur wenige haben besser unterdrückt und wohl auch morden lassen als Fidel Castro. Revolutionär, Präsident, Diktator - die kubanische Vollbartlegende erfuhr schon zu Lebenszeiten eine seltsame Verklärung. Das hatte auch mit seiner Fähigkeit zu tun, am Leben zu bleiben. 638 Anschlagsversuche auf seinen Máximo Líder will der kubanische Abwehrchef gezählt haben: Tötungsversuche per Zigarre, eine mit Sprengstoff gefüllte Muschel, die klassische Venusfalle mit der enttäuschten Geliebten. Sechs Attentatsversuche des US-Geheimdienstes CIA sind dokumentiert.

Wer derart unverwüstlich erscheint, wird schnell für unsterblich erklärt. Das befördert Mythos und Macht. Castro hatte von beidem reichlich zu bieten, wenn auch die Zahl der Attentatsversuche deutlich geschönt sein mag. Auch sein eigenes Machtsystem errichtete Castro mithilfe von Gewalt und Unterdrückung - der Nachweis direkter Mordanweisungen ist freilich schwer zu führen. Historisch nicht endgültig bewiesen, aber durch Indizien naheliegend, ist seine Beteiligung bei der Beseitigung des Mitkämpfers und Rivalen Camilo Cienfuegos, der angeblich bei einem Flugzeugabsturz verschollen sein soll.

Jamal Khashoggi Saudi-Arabien räumt Tötung Khashoggis ein
Regierungskritischer Journalist

Saudi-Arabien räumt Tötung Khashoggis ein

Das Königreich bestätigt, dass der Journalist im Istanbuler Konsulat ums Leben gekommen ist. Die Version im Staatsfernsehen: Nach einem Streit habe es einen Kampf gegeben.

Was bei Castro (der 2016 eines natürlichen Todes gestorben ist) folkloristisch verklärt wird, ist seit Jahrtausenden elementarer Bestandteil des Geschäfts von Macht und Herrschaft: Es wird gemordet auf Befehl von oben, ganz oben. Die politisch motivierte Ermordung von Missliebigen, von Rivalen und Aufmüpfigen kann man fast schon eine historische Selbstverständlichkeit nennen - wenn sie nicht immer wieder Schock und Empörung auslösen würde und stets die berechtigte Frage nach dem Sinn dieser Taten aufwürfe: Bringt die Tötung auf Befehl einen Vorteil?

Während eine der Urversionen des politischen Mords, die Erdolchung von Gaius Julius Cäsar im Jahr 44 vor Christus, vordergründig die Befreiung vom Tyrannen zum Ziel hatte (und natürlich auch politische Interessen der Mörderbande durchsetzen sollte), ist die Variante "Herrscher tötet Missliebige" selten von einem schlüssigen Motiv getrieben. Tief sitzender Hass, Rachegelüste, Abschreckung und die schiere Lust an der Machtdemonstration leiten Potentaten bei ihrem Tötungsbefehl. Allmachtsfantasien spielen nicht selten eine Rolle bei der Entscheidung.

In der Regel werden politische Attentate von Fanatikern oder psychisch gestörten Menschen begangen

In diese Kategorie mag auch der Fall des saudischen Regimekritikers Jamal Khashoggi fallen, dessen Tötung Saudi-Arabien jetzt eingeräumt hat. Wenig deutet darauf hin, dass er eine ernsthafte Bedrohung für das saudische Königshaus und den Kronprinzen abgegeben hätte. Selbst wenn er klare wirtschaftliche oder politische Interessen verfolgt hat: In der Abwägung der Risiken hätte sich jeder wache Kopf die dreiste Tötung in einem Konsulat zweimal überlegt. So lässt die mutmaßliche Tat auch einen Blick auf das Selbstverständnis des saudischen Herrscherhauses zu - und lädt zu Spekulationen über den Umgang mit Missliebigen in Saudi-Arabien selbst ein, wo keine Überwachungskameras und keine kritische Öffentlichkeit ein mögliches Opfer schützen.

Statistiken zu politisch befohlenen Morden gibt es nicht, zu sehr verschwimmen die Grenzen zwischen den Tötungskategorien. In der Regel werden politische Attentate von Fanatikern oder psychisch gestörten Menschen begangen, sie suchen Ruhm oder handeln im Wahn. Herostrat hat den Tempel der Artemis niedergebrannt, um unsterblich zu werden, was ihm gewissermaßen gelungen ist. Die historisch bedeutsamen Morde an Politikern - John F. Kennedy etwa oder Israels Regierungschef Jitzchak Rabin - waren mutmaßlich die Taten von Einzelgängern, wenn auch der Rabin-Mörder in einem politischen Umfeld radikalisiert wurde.

Die Auftragsmorde im Namen eines politischen Herrschers sind schwerer nachzuweisen, aber deswegen nicht seltener. Historisch unvergessen bleiben der Mord an Patrice Lumumba 1961, dem ersten gewählten Ministerpräsidenten der unabhängigen Republik Kongo (befohlen von belgischen Polizisten), die Ermordung des gerade heilig gesprochenen Erzbischofs von San Salvador, Óscar Romero, (erschossen auf Befehl des Vize-Geheimdienstchefs), oder die Morde in den politischen Familien Libanons, allen voran am ehemaligen Ministerpräsidenten Rafik Hariri.

Die Ermordung des Diktators der Dominikanischen Republik Rafael Trujillo 1961, des südvietnamesischen Präsidenten Ngo Dinh Diem 1963 und des chilenischen Militärchefs René Schneider 1970 gingen wohl auf das Konto der CIA. Geheimdienste als Exekutoren des politischen Willens haben breite Blutspuren durch die Geschichte gezogen. Viele Fälle der CIA sind dokumentiert, ehe 1981 US-Präsident Ronald Reagan ein Attentatsverbot verhängte - das vermutlich so rigoros nie befolgt wurde.