Politiker-Paar Domscheit-Berg Anke Domscheit-Berg - eine perfekte Politikerin

Vor allem Anke Domscheit-Berg hat es schwer in der Partei. Viele ihrer gewählten Vertreter waren zwar froh, als die Aktivistin im vergangenen Jahr von den Grünen zu den Piraten kam. Ihre Themen - Open Government, Transparenz, Datenschutz - passen schließlich gut zu der selbsternannten Internet-Partei. Noch dazu war Domscheit-Berg schon länger in der Netzszene aktiv und anerkannt, talkshowerfahren und eloquent.

Doch ungeachtet der inhaltlichen Überschneidungen wurde die Feministin in Online-Kommentaren regelmäßig als grünes U-Boot beschimpft. Und als machtgierig, weil sie sich gleich nach ihrem Eintritt um Platz eins der Brandenburger Landesliste für die Bundestagswahl beworben hat. Das haben zwar andere auch, der bayerische Spitzenkandidat Bruno Kramm zum Beispiel, der Anfang 2012 von den Grünen zu den Piraten kam, eigentlich ganz ähnliche Positionen vertritt wie Anke Domscheit-Berg - und der sofort auf Platz eins der bayerischen Bundestagsliste gewählt wurde.

Bei Domscheit-Berg hingegen reichte es nur für Platz zwei der Landesliste. Acht Prozent der Stimmen müssten die Piraten bekommen, damit sie im Bundestag landen würden. Unwahrscheinlich, dass das passiert. Noch vor wenigen Wochen warf ihr der Pressesprecher ihres Landesverbands vor, in der DDR mitnichten in der Bürgerbewegung aktiv gewesen, sondern es sich auf der Seite des Systems als FDJ-Sekretärin bequem gemacht zu haben. Als sich das Paar nun gemeinsam für den Landesvorsitz in Brandenburg bewarb, sie als Vorsitzende, er als Geschäftsführer, hieß es auch wieder: Die wollen die Brandenburger Piraten übernehmen. Anke Domscheit-Berg erhielt am Ende 32 von 63 Stimmen.

Da müsse man halt durch, sagt Daniel Domscheit-Berg abwiegelnd. Anke widerspricht. "Das demotiviert doch viele, die durch dieses Tal der Tränen eben nicht durchwollen. Vor allem Frauen." Die Ablehnung und das Misstrauen, das ihr entgegenschlug, fressen bis heute sichtlich an ihr. Warum sie trotzdem dabei bleibt? "Ich bin Mitglied der Piraten geworden, weil sich die Inhalte mit meinen Überzeugungen am meisten decken", sagt sie.

Es geht um Einfluss

Den Kritikern des Ehepaars - so viel lässt sich erahnen - geht es aber weniger um die Inhalte, als um das Auftreten der beiden. Die Domscheit-Bergs wirken ein bisschen wie ein sorgsam inszeniertes Gesamtkunstwerk, wie sie da sitzen in ihrem Garten in der brandenburgischen Provinz, und über die unendlichen Möglichkeiten eines freien Internets philosophieren. Das große Haus mit den hellen Zimmern, der perfekt unordentliche Garten, die Art, wie sie sich in den Gesprächen ergänzen - würde ein Autor das Aktivisten-Paar für ein Drehbuch erfinden, er müsste sich den Vorwurf gefallen lassen, ein bisschen übertrieben zu haben mit der Stimmigkeit, der Harmonie und dem einhelligen Idealismus, den die beiden ausstrahlen - ungeachtet dessen, dass ihr Engagement tatsächlich glaubhaft ist. Bewundernde Artikel wie der in der Zeit verstärken diesen Effekt, sehr zum Ärger mancher Piraten, die zu den Medien ein eher gespaltenes Verhältnis haben.

Die Domscheit-Bergs streiten nicht ab, dass es ihnen um Einfluss geht, für sie ist das Streben nach Macht nicht grundsätzlich negativ besetzt - anders als für viele Piraten. Sie wissen um ihre Schlagfertigkeit, um ihre mediale Wirkung, jeder ihrer Sätze, jeder Schlagabtausch zwischen ihr, der Idealistin, und ihm, dem Skeptiker, wirkt wohlüberlegt. Die beiden wollen mehr als nur irgendein Pöstchen. Sie wollen gehört werden.

Gerade für viele Piraten muss eben dieses geschlossene Auftreten wie eine Provokation wirken, denn eigentlich ist die Partei stolz darauf, unfertig zu sein, ein demokratisches Projekt, dessen Richtung erst noch festgelegt werden muss. Von allen zusammen. Von der grundsätzlich skeptischen Haltung zu persönlichem Machtstreben ganz zu Schweigen. Die Piraten wollen unideologisch sein und vor allem wollen sie sich unterscheiden von jenen, die sich in Talkrunden mit den immer selben Kontrahenten streiten, in perfekter Aufmachung perfekte Reden halten. "Aber inzwischen ist man doch froh, dass es Leute gibt, die das können", sagt Anke Domscheit-Berg.

Und so tingelt sie durch die Talkshows, wirbt in Brandenburg für das bedingungslose Grundeinkommen, spricht in München über Überwachung, hält Reden auf Konferenzen und Kundgebungen. Sie entspricht den Anforderungen, die auch an mächtige Menschen gestellt werden bis aufs Letzte, ist telegen, eloquent, mit starker, eingängiger Botschaft. Eine perfekte Politikerin. Allerdings in einer Partei, die nicht perfekt sein will.