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Studie zu politischer Beteiligung:Migrationshintergrund? Fast egal

Demonstration gegen Rassismus · München

Mehrere tausend Menschen demonstrieren in München im Sommer 2020 mit Plakaten während einer "Silent Demo" gegen Rassismus.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Ob sich Menschen in Deutschland politisch engagieren wollen, hängt nicht davon ab, ob sie oder ihre Familie aus anderen Ländern stammen oder nicht. Eine neue Studie zeigt: Entscheidend ist etwas anderes.

Von Jan Bielicki

Ein Mensch kann Frau sein, Mann oder divers, jung oder alt, er oder sie kann sich als Vater, Mutter oder Kind definieren, über seinen Berufsstand oder seine sexuelle Persönlichkeit, als Mensch mit Behinderung - oder eben mit Migrationshintergrund. Letzterer steht in der politischen Debatte oft im Vordergrund, meist als Problem.

Doch die weitaus meisten Menschen mit Migrationshintergrund sehen diesen als gar nicht so wichtig an. In einer neuen Studie ordnen sich nur etwa ein Drittel der Befragten, die nach offizieller Definition einen Migrationshintergrund haben, dieser Gruppe tatsächlich zu oder bezeichnen sich sogar Ausländer. Die große Mehrheit dagegen hält das Merkmal offenbar für nicht erwähnenswert genug, um sich darüber zu identifizieren.

Auch der Wille zum politischen Engagement hängt demnach nicht davon ab, ob ein Mensch in seiner Familie eine Zuwanderungsgeschichte hat oder nicht. Das zeigt eine Untersuchung, die Forscher des überparteilichen Think Tanks dpart im Auftrag der Open Society Foundations des US-Milliardärs George Soros erarbeitet haben und an diesem Mittwoch vorlegen. Der Süddeutschen Zeitung liegt die Studie vor.

Um herauszufinden, welche Rolle ein Zuwanderungskontext in der politischen Beteiligung spielt, haben die Forscher in einer repräsentativen Umfrage etwa 3000 Menschen in Deutschland um Antworten gebeten. 2000 von ihnen hatten einen Migrationshintergrund, wie ihn das Statistische Bundesamt definiert hat - entweder sie selbst oder zumindest ein Elternteil von ihnen wurden mit ausländischer Staatsangehörigkeit geboren.

Wer diskriminiert wurde, will sich engagieren

Dabei kam heraus: Ob sich eine Person gesellschaftlich oder politisch engagiert, hängt praktisch nicht davon ab, ob sie eine Migrationsgeschichte hat oder nicht. So geben, ganz unabhängig von der eigenen oder elterlichen Staatsangehörigkeit bei der Geburt, knapp die Hälfte der Befragten an, sich schon in einem Verein, einer Partei oder einer anderen Organisation eingesetzt zu haben. Deutlich wichtiger für den Willen zur Beteiligung scheint der Studie zufolge zu sein, ob jemand rassistische Diskriminierung erfahren hat oder nicht.

Wegen der eigenen Herkunft, Hautfarbe, Sprache oder Nationalität diskriminiert worden zu sein, erklärt gut jeder dritte Befragte mit offiziellem Migrationshintergrund - und immerhin noch jeder achte Befragte ohne einen solchen. Dabei ist bemerkenswert: Wer rassistische Diskriminierung erfahren hat, zeigt deutlich mehr Interesse daran, sich politisch zu engagieren.

Allerdings stößt der Wunsch nach Engagement nicht immer auf offene Türen - sondern oft auf Barrieren. Fast jeder achte Befragte mit Migrationshintergrund, der Rassismus erlebt hat, ist nach eigener Auskunft von dem Versuch, sich politisch mehr zu engagieren, durch Diskriminierung abgehalten worden. Diese Hürden müssten Parteien und andere Organisationen abbauen, fordert die Mit-Autorin Yonca Dege. Gleichzeitig warnt sie davor, dabei allein den Migrationshintergrund dieser Menschen anzusprechen.

Der spielt laut Studie bei einem entscheidenden Akt politischer Beteiligung dann doch eine Rolle: Von den wahlberechtigten Befragten ohne Migrationshintergrund geben etwa acht von zehn an, definitiv an Wahlen zum Bundestag im Herbst teilnehmen zu wollen. Von den Befragten mit Migrationshintergrund erklärten das nur etwa sieben von zehn.

© SZ/skle
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für S. 3, Shoan Vaisi_(c) Felix S. Schulz

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