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Politik und Klimawandel:Nach dem Bürgerkrieg, vor der Erderwärmung

Ein viertes Beispiel für die drohenden Auswirkungen des Klimawandels auf Gewalt ist Guatemala. Zwar ist 1996 der 36 Jahre dauernde Bürgerkrieg beendet worden, aber noch immer leidet das Land unter den Folgen: Die Bevölkerung ist zum Teil schwer bewaffnet, die Gewaltbereitschaft ist hoch. Viele Menschen leben vom Schmuggel von Drogen, die aus Südamerika in Richtung USA unterwegs sind. Kontrolliert wird der Drogenschmuggel von Gruppen wie den mexikanischen "Zetas".

Da die Landwirtschaft dort unterentwickelt, aber die Umweltzerstörungen groß sind, migrieren viele Menschen in die Städte, wo sie allerdings wenig Aussicht auf Arbeit haben, dafür aber auf kriminelle Gangs wie die Maras stoßen. Viele junge Männer werden von diesen Gruppen zwangsrekrutiert. Die Polizeikräfte dagegen sind klein, nicht gut ausgebildet und gelten als extrem korrupt. Die Versorgung der Bevölkerung ist bereits jetzt mangelhaft. Jedes zweite Kind unter fünf Jahren ist unterernährt.

Ausgerechnet Guatemala, das immer wieder von schweren Hurrikanen heimgesucht wird, wird auch vom Klimawandel besonders stark bedroht: Experten rechnen mit häufigeren intensiven Regenfällen, zugleich aber mit einer Abnahme des Regens insgesamt. Dazu soll die Zahl warmer Tage steigen. Der Weltbank zufolge wächst damit sowohl das Risiko für Überflutungen wie für Dürren - mit schlimmen Folgen für die Wirtschaft des Landes, das stark vom Export landwirtschaftlicher Produkte wie Kaffee und Zucker abhängt.

Die Klimaerwärmung wird deshalb voraussichtlich dazu führen, dass weitere Arbeitslose und verarmte Bauern sich dem Drogenhandel und -anbau zuwenden, der von den bewaffneten Gruppen organisiert wird.

Die Unzufriedenheit der Bevölkerung kann darüber hinaus zu sozialen Unruhen und Aufständen gegen die Regierung führen. Auch wird die Zahl der Guatemalteken wachsen, die versuchen, in die USA zu fliehen. Dabei wurden etwa 2014 allein an der Grenze zwischen Mexiko und den USA 17 000 unbegleitete Minderjährige aufgegriffen, die versucht hatten, dem Hunger oder der Rekrutierung durch die Gangs in Guatemala zu entgehen. Die meisten Kinder und Jugendliche wurden in ihre Heimat zurückgeschickt.

Die Folgen der Klimaerhitzung, so warnen die Wissenschaftler, würden im Kampf gegen bewaffnete Gruppen und Terroristen derzeit zu wenig thematisiert. Auf der anderen Seite gibt es internationale Programme, die Ländern helfen sollen, Klimafolgeschäden abzuwenden oder sich zumindest darauf vorzubereiten - aber die Bedeutung der bewaffneten Gruppen nicht ausreichend berücksichtigen.

Die Experten empfehlen deshalb breiter angelegte Ansätze, die Maßnahmen gegen beide Probleme - sowohl die Klimaerhitzung als auch bewaffnete Gruppen - verbinden.

© SZ.de/fued/sks
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