Österreich-Kolumne:Die Liebe zum Skurrilen

20211018 National Day 2021 Press Conference VIENNA, AUSTRIA - OCTOBER 18: Military show act before the National Day 202

Das Bundesheer gibt einen Ausblick auf die Nationalfeiertags-Feierlichkeiten am 26. Oktober.

(Foto: Isabelle Ouvrard/imago images)

Zwei Wochen nach dem Rücktritt von Sebastian Kurz als Kanzler machen die Vorwürfe viele immer noch sprachlos. Es gibt aber auch Dinge in Österreich, die die Lage aufhellen.

Von Angelika Slavik

Dem großen österreichischen Philosophen Toni Polster wird das Zitat zugeschrieben, man müsse eben auch Täler durchschreiten, um Berge erklimmen zu können. Man darf also damit rechnen, dass moralische Standards und internationales Ansehen des Landes demnächst einen beispiellosen Höhenflug erleben werden - denn im Augenblick sind wir eindeutig ziemlich tief im Tal.

Zwei Wochen nach dem Rücktritt von Sebastian Kurz macht die Ruchlosigkeit von "Basti Fantasti" und seiner Clique viele immer noch sprachlos. Manipulierte Meinungsumfragen, korrumpierte Medien - die Vorwürfe, die im Raum stehen, dokumentieren eine abenteuerliche Verachtung der eigenen Wählerschaft. Falls Sie am Wochenende Zeit haben, empfehle ich Ihnen dazu "Wag the Dog", eine bitterböse Satire über politische Inszenierung aus dem Jahr 1997: Man muss annehmen, dass die Kurz'sche Buberlpartie diesen Film irgendwie als Anleitung missverstanden hat. Meine Kollegin Tanja Rest hat sich in ihrem Text "Die Buberl-Connections" (SZ Plus) Gedanken über Männer und die Macht gemacht.

Es gibt aber auch Dinge, die die Lage aufhellen. Nein, der neue Kanzler Alexander Schallenberg, der sein Amt bislang mit dem Vorsitz des Kurz-Fanclubs verwechselt, gehört eher nicht dazu. Der Bundespräsident Alexander Van der Bellen allerdings schon. Er navigiert das Land mit Ruhe und Witz durch alle Regierungskrisen.

Das war schon so nach der Veröffentlichung des Ibiza-Videos im Mai 2019, das jetzt im Mittelpunkt einer Serie bei Sky ist: "Die Ibiza Affäre". Meine Kollegen Frederik Obermaier und Bastian Obermayer erinnern sich in ihrem Text "Sieben Stunden unter Hochspannung" an die Zeit, in der sie das Video zum ersten Mal gesehen haben.

Aber wichtiger noch ist, dass zu den größten Qualitäten Österreichs seine unauslöschliche Liebe zum Skurrilen gehört, die Fähigkeit, in wirklich jeder Lage die Komik der Situation zu würdigen. Deshalb muss man sich nicht sorgen, das Land könnte bei der Bestandsaufnahme am Nationalfeiertag kommenden Dienstag angesichts der Qualität des politischen Personals Trübsal blasen, im Gegenteil.

Es ist vielmehr eine Gelegenheit, mal wieder das legendäre Video von Christiane Hörbiger anzusehen, mit dem die Schauspielerin einst Sebastian Kurz unterstützt hat und das die Kolleginnen und Kollegen vom Kurier vor dem digitalen Vergessen gerettet haben: "Wie waren wir doch froh und glücklich, wie Sie Kanzler geworden sind", flötet die Hörbiger darin, "das ganze Land hat sich irgendwie zum Positiven verändert."

Was soll man dazu sagen? In Österreich beurteilt man das Leben immer zunächst nach seiner satirischen Qualität, und in dieser Hinsicht sind die Zeiten geradezu hervorragend.

Diese Kolumne erscheint am 22. Oktober 2021 auch im Österreich-Newsletter, der die Berichterstattung zu Österreich in der Süddeutschen Zeitung bündelt. Hier kostenlos anmelden.

Zur SZ-Startseite
Kurz Chat Teaserbilder

SZ PlusÖsterreich
:"So weit wie wir bin ich echt noch nie gegangen"

Innerhalb von nicht einmal zweieinhalb Jahren wird Österreich von der zweiten Staatsaffäre erschüttert. Tausende Chatnachrichten bringen den bisherigen Kanzler Sebastian Kurz und seinen engsten Zirkel in Bedrängnis. Die wichtigsten SMS - und was sie über das Land und seine Politiker aussagen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB