Österreich-Kolumne:In luftiger Höhe

Pressefoto Bundeskanzler Kurz in New York, nur redaktionelle Verwendung, Unbedingt Credit angeben! (c) BKA/Dragan Tatic

Ein Bild, das für die Nachwelt bestimmt ist: Sebastian Kurz in New York.

(Foto: Dragan Tatic/BKA)

Wie einst Bruno Kreisky ist Sebastian Kurz ein Meister der Inszenierung, das stellte der jetzige Kanzler dieser Tage in New York wieder unter Beweis.

Von Cathrin Kahlweit

Am nördlichen Wiener Stadtrand, wo die Hauptstadt mit ihren Weinbergen und Heurigen besonders idyllisch ist, befindet sich heute das Kreisky Forum oder, um genau zu sein, das "Bruno Kreisky Forum für internationalen Dialog", ein Treffpunkt für Gespräche, Konferenzen und Diskussionen. Einst lebte hier der sozialdemokratische Kanzler Bruno Kreisky; ein ikonisches Foto von ihm mit Sonnenbrille auf der Nasenspitze, auf dem er den vielen Eindringlingen, die regelmäßig in seine Villa mit prächtigem Park drängen, direkt und sehr gelassen ins Gesicht schaut, hängt unübersehbar am Aufgang im ersten Stock.

Weil das renommierte Kreisky Forum in diesem Jahr 30 Jahre alt wurde, bin ich zur Jubiläumsfeier gegangen, um zu schwatzen oder neudeutsch, um zu netzwerken, was zu meiner Jobbeschreibung dazugehört, und was ich besonders gern tue. Viel linke Prominenz war da, und weil ich mich nicht blamieren wollte, habe ich vorher noch ein wenig über Bruno Kreisky gelesen. Was für eine Vita. Beteiligt am Februaraufstand 1934, Haft, Sozialistenprozess, Verurteilung wegen Hochverrat, Emigration über Dänemark nach Schweden, Exil, Rückkehr nach Wien 1950, steile politische Karriere, Sozialistische Internationale, 13 Jahre Kanzlerschaft. Eine Legende, eine Ära.

Kanzler Kreisky und Kanzler Kurz im Vergleich

31 Jahre nach seinem Tod ging es nun - nicht nur, aber auch - um die gegenwärtige Misere der Sozialdemokratie in Österreich, die nicht als gegeben hinzunehmen Ex-Kanzler Franz Vranitzky dringend mahnte. Er gab SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner den Rat, endlich die Parteizentrale zu einem Kraftzentrum umzubauen, damit nicht jeder Genosse - in aller Freundschaft natürlich - öffentlich auf anderen Genossen herumhaut. Der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig hielt eine kluge Rede über Außen-und Kulturpolitik, was manch einen im Saal halblaut darüber sinnieren ließ, ob sich der populäre Stadtchef nicht doch gut für höhere Weihen eignet.

Und natürlich wurden auf dem Jubiläumsempfang auch ziemlich viele Vergleiche zwischen dem jetzigen Kanzler und Kreisky angestellt, die nicht zugunsten von Sebastian Kurz ausfielen. Aber einerseits sonnt sich auch die derzeitige SPÖ-Chefin nicht gerade in der Bewunderung ihrer gesamten, nach neuen, unverbrauchten und charismatischen sozialdemokratischen Helden gierenden Partei, und andererseits waren die Gäste natürlich eindeutig voreingenommen.

Auch aus Kurz kann ja noch eine Legende werden. Immerhin ist er mit 35 nach abgebrochenem Studium und einer schönen Parteikarriere schon das vierte Jahr Regierungschef, während der Sozialdemokrat und Jurist Kreisky mit Mitte 30 noch Hilfslieferungen aus Schweden an das darbende Nachkriegsösterreich organisierte. Als Emigrant, NS-Gegner und Jude sah er sich in der Heimat nach wie vor geballtem Misstrauen, ja Hass gegenüber und musste sich seine politische Karriere regelrecht erkämpfen, während die ÖVP diese für ihren Popstar mit bewussten und kalkulierten Überschreitungen der Wahlkampfkosten 2017 und 2019 auch ein klein wenig erkaufte, wie man nach einem entsprechenden Urteil des Oberlandesgerichts Wiens vom August nun schreiben darf.

Das Unvollendete als Sinn des Lebens

Was das ikonische Foto von Kreisky in seiner früheren Villa angeht, so erinnert es in seiner Anmutung sehr an ein bekanntes Porträtfoto seines charismatischen Freundes Willy Brandt, ebenfalls mit Sonnenbrille. Die Lebensgeschichten der beiden Männer weisen auch sonst frappierende Ähnlichkeiten auf.

Zumindest beim Bild kann Kurz aber mithalten: Das jüngste, eindeutig für die Nachwelt bestimmte Bild, das die Kronen Zeitung von ihm von der UN-Vollversammlung veröffentlichte und auf dem Kurz, wichtige Akten in der Hand, nachdenklich aus dem Fenster auf New York herabblickt, dürfte in die Geschichte eingehen und eines Tages im Sebastian Kurz Forum hängen: ein Mann auf der Höhe seiner Macht und in luftiger Höhe auf internationaler Mission. Der Sinn des Lebens ist das Unvollendete, hat Bruno Kreisky mal gesagt. Da kann also noch viel Großes kommen.

Diese Kolumne erscheint am 24. September 2021 auch im Österreich-Newsletter, der die Berichterstattung zu Österreich in der SZ bündelt. Gleich kostenlos anmelden.

© SZ/mala
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