"Der gute Deutsche" von Josef Joffe Als wäre die Macht makellos

Der erste Kanzler und die aktuelle Regierungschefin: Angela Merkel im Jahr 2006 vor einem Porträt von Konrad Adenauer von Oskar Kokoschka, gemalt 1966.

(Foto: Action Press)
  • Josef Joffe hat einen Bildungsroman mit autobiografischen Zügen geschrieben.
  • In "Der gute Deutsche" widmet sich der Autor ausführlich der Leistung Angela Merkels als Kanzlerin und stellt zur Identitätskrise Deutschlands fest: Es war eine musterhafte Entwicklung. Die Prüfungen sind bestanden. Die Normalität zieht ein.
  • Als Leser fragt man sich an dieser Stelle jedoch: Welche Normalität?
Rezension von Werner Weidenfeld

Der Untertitel des Buches weckt Neugierde: "Die Karriere einer moralischen Supermacht". Was steckt dahinter? Wie ist das zu erklären? Über Jahrzehnte kennt man ja Texte aus der Feder des Autors. Sein beruflicher Werdegang führte ihn zur Süddeutschen Zeitung, dann zur Wochenzeitung Zeit, wo er jetzt Mitglied des Herausgeberrats ist. Josef Joffes Kommentare und Bücher sind immer scharfzüngig, oft humorvoll, von Ironie unterfüttert und von einem gewissen Hang zum Sarkasmus geprägt. Dies alles erwartet der Leser nun zur Grundsatzfrage nach der Identität der Deutschen.

Die Komposition des Buches entspricht der eines Bildungsromans mit autobiografischen Zügen. Der gute Deutsche geht hier seinen Weg vom Waisenkind zum Wunderkind - um dann dies alles in die Normalität zu transferieren. Joffe unterlegt jede Wendung, jede Facette, jeden Entwicklungsschritt der Identität mit einem reichhaltigen literarischen Material. Die Ambition eines Bildungsroman-Autors ist wirklich wörtlich zu nehmen.

Interessant ist es, wie es Joffe gelingt, die These vom deutschen Sonderweg zu widerlegen. Der Klassiker von Helmut Plessner "Die verspätete Nation" kann für Joffe nicht wirklich den Sonderweg belegen - zu materialreich führt er Kulturphänomene der anderen Länder an. Nach dem Zweiten Weltkrieg findet die Suche der Deutschen nach einer zukunftsfähigen Identität ihren Anker im "Nie wieder" und im neuen Vertrauensgewinn. Dazu macht sich Konrad Adenauer auf den Weg in die europäische Einigung und die westliche Wertegemeinschaft. Aber dann stutzt der Leser: Die hervorstechenden Wegmarken sind Konrad Adenauer, Willy Brandt, Richard von Weizsäcker und Angela Merkel.

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Kann man hier wirklich Helmut Kohl, Helmut Schmidt, Theodor Heuss, Ludwig Erhard, Gustav Heinemann etc. einfach übergehen, einfach wegfallen lassen? Der Autor scheint von Angela Merkel gebannt: "Welch unglaublicher Rollentausch im Vergleich zu 1945. Deutschland ist der sanfte Hegemon und Angela Merkel ihr Prophet." So viel Merkel-Lob war bisher auf engem Raum nicht zu lesen: "Perfekt personifiziert die Kanzlerin seit ihrem Amtsantritt 2005 das neue Deutschland." Und wo bleibt Gerhard Schröder einzuordnen? In diesem Buch sucht man seine Leistung vergeblich.

Für Joffe ist Angela Merkel das Gesicht des guten Deutschland, das im Verzicht neue Macht gebärt: "Der außenpolitische Stil des 'guten Deutschlands' lässt sich einfach zusammenfassen: statt national europäisch, nicht 'ich', sondern 'wir'; statt 'harter' Macht 'weiche' Macht; statt Selbstsucht Selbsteindämmung; statt Gewalt Gemeinschaft, die sich freilich als stiller Kraftverstärker entpuppt." Und Merkel rückt anschaulich in wirkliche historische Größe, denn der Autor wendet sich ohne Übergang nach dem Merkel-Lob dem großen Konrad Adenauer zu, dem ja bereits Golo Mann den Titel "Großvater der Füchse" verliehen hatte. Als Leser kann man in komprimierter Form die eindrucksvolle Leistung Konrad Adenauers und dann auch Willy Brandts verkosten. Und zugleich wird jede spätere Kritik an der Adenauer-Ära als Restauration umfassend abgeräumt. Hier wird "die Restauration als Legende" abgetan.

Adenauer und Merkel - auf diese beiden richtet der Autor sein Hauptaugenmerk

Die Symbolkraft des Kniefalls Willy Brandts 1970 im Warschauer Ghetto erhält hier - völlig zu Recht - politische Anschaulichkeit. Man fragt sich nur, warum in diesem Buch andere auf solche Symbolik abzielende Ereignisse nicht ähnlich dicht analysiert werden, etwa die Versöhnungsgeste mit François Mitterrand in Verdun 1984, das heftig diskutierte Treffen mit Ronald Reagan in Bitburg 1985, der Gottesdienst mit Tadeusz Mazowiecki in Kreisau 1989?

Nach der Darstellung der eindrucksvollen Erfolgsgeschichte wird nicht vergessen, auch "die Schattenseiten der Wiedergutwerdung" aufzuzeigen. Die Friedensbewegung kämpfte gegen die Nachrüstung, Entrüstung war angesagt, Selbstfesselung geriet - so formuliert Joffe - zur Staatsräson. Als Gesamtergebnis der Identitätskarriere Deutschlands hält Joffe fest: Es war eine musterhafte Entwicklung. Die Prüfungen sind bestanden. Die Normalität zieht ein.

Als Leser muss man nun die Frage ergänzen: Aber welche Normalität? Ist es die Normalität der Ratlosigkeit?

Denn was macht bei nüchterner Beobachtung denn diese gegenwärtige Normalität aus? Es handelt sich um ein Zusammentreffen von Strukturproblemen und Kulturfragen. Die Strukturprobleme bestehen in Globalisierung, Internationalisierung, Europäisierung, Digitalisierung und dem damit verbundenen Machttransfer. Dieses Zeitalter der Komplexität findet keine Erklärer und Deuter. Auch Angela Merkel gehört hier zu den Schweigsamen. So rutscht auch Deutschland hinüber in das Zeitalter der Konfusion. Kann man oder soll man das Zeitalter der Konfusion unter "Normalität" subsumieren? Man darf doch nicht übersehen, dass dahinter ein höchst ernstes Problem steckt: der gefährdete Zusammenhalt der demokratischen Gesellschaft und damit die künftige Überlebensfähigkeit der Republik.

Josef Joffe: Der gute Deutsche. Die Karriere einer moralischen Supermacht. Verlag C. Bertelsmann, München 2018. 256 Seiten, 20 Euro. E-Book: 17,99 Euro.

(Foto: C. Bertelsmann)

Politik, die orientieren will, braucht ein Narrativ. Sie muss Gegenwart und Zukunft verstehbar und gestaltbar machen. Die Sehnsucht nach dem Narrativ blieb bisher unbeantwortet. Ohne Kompass und ohne analytische Originalität muss politische Kultur zum Glasperlenspiel verkommen. Wie die Normalität dieses Glasperlenspiels das Bild einer moralischen Supermacht rechtfertigen soll, erscheint schleierhaft.

Werner Weidenfeld ist Direktor des Centrums für angewandte Politikforschung der Universität München und Rektor der Alma Mater Europaea der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste (Salzburg).

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