Politik in Syrien Türkei greift Kurdengebiet an

  • Türkische Truppen haben kurdische Gebiete in Syrien massiv mit Granaten beschossen.
  • Russland hat 100 Militärpolizisten in die Region Afrîn geschickt.
  • Die Türkei sieht die Attacken als Verstoß gegen die Vereinbarung über vier Deeskalationszonen in Syrien.
Von Paul-Anton Krüger, Kairo

Türkische Truppen haben in der Nacht zum Freitag den kurdischen Kanton Afrîn in Syrien massiv mit schwerer Artillerie beschossen. Ein Sprecher der kurdischen YPG-Milizen sagte am Freitagmorgen, es seien etwa 70 von der Türkei aus abgefeuerte Granaten in dem Gebiet eingeschlagen.

Der türkische Verteidigungsminister Nurettin Canikli bekräftigte in Ankara, die Militäroperation gegen die YPG in Afrîn habe "de facto begonnen". Türkische Soldaten hätten die Grenze aber bislang nicht überschritten. Die Bundesregierung rief Ankara zur Mäßigung auf. Die Türkei betrachtet die Kurdenmiliz als Terror-Organisation und Ableger der PKK. Auch im Gebiet der 100 Kilometer östlich gelegenen Stadt Manbij droht Ankara mit einer Militäroperation gegen die Miliz.

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Ankara und Moskau streiten auch über Idlib

Syriens Regierung hatte der Türkei gedroht, Kampfjets abzuschießen, die in syrischen Luftraum eindringen, aber eine Bodenoffensive könnte sie aus eigener Kraft kaum abwenden. Russland hat auf Bitten der Kurden etwa 100 Militärpolizisten im Süden und Osten von Afrîn stationiert. Ein Einmarsch der Türkei, mit dem Präsident Recep Tayyip Erdoğan seit Monaten immer wieder droht, könnte zu einem neuen Konflikt zwischen Ankara und Moskau führen, die seit 2016 in Syrien kooperieren.

Allerdings sagte Verteidigungsminister Canikli, seine Regierung stimme sich fortlaufend mit Moskau über die Militäroperation ab. Das US-Militär hatte klargestellt, dass es nicht eingreifen werde, obwohl es in Syrien eng mit den YPG zusammenarbeitet. Afrîn liege außerhalb des Einsatzgebietes, teilte ein Sprecher mit.

Ankara und Moskau streiten auch wegen des von Russland massiv unterstützten Vormarsches syrischer Regierungseinheiten in die von Rebellen und dschihadistischen Gruppen gehaltene Provinz Idlib. Außerdem greifen sie eine Rebellen-Enklave bei Hama an. Die Türkei sieht die Attacken als Verstoß gegen die Vereinbarung über vier Deeskalationszonen in Syrien, die in der kasachischen Hauptstadt Astana geschlossen wurde. Zudem fürchtet Ankara einen neuen Ansturm syrischer sunnitischer Flüchtlinge auf die Grenze. Durch die Kämpfe in Idlib und Hama wurden seit Mitte Dezember laut den UN mehr als 200 000 Menschen vertrieben.

US-Truppen sollen in Syrien bleiben

Die USA rücken unterdessen von Plänen ab, im Nordosten Syriens eine neue Grenzschutztruppe unter maßgeblicher Beteiligung der YPG aufzustellen. Dieser Plan hatte sowohl die Türkei empört als auch das syrische Regime von Präsident Baschar al-Assad und dessen Verbündete Russland und Iran. Das Wall Street Journal zitiert US-Regierungsbeamte, der Plan sei schlecht überlegt und werde nicht so umgesetzt, wie das US-Militär ihn offenbar ohne Rücksprache mit anderen Ministerien in Washington angekündigt habe.

Die Türkei reagierte zurückhaltend. Man werde beobachten, ob die USA weiter YPG-Milizionäre ausbilden, sagte Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu. US-Außenminister Rex Tillerson hatte versucht, den Konflikt mit der Türkei zu beruhigen, nachdem Erdoğan gedroht hatte, eine solche "Terrortruppe" zu vernichten, bevor sie aufgestellt werde.

Er warnte vor irreparablen Schäden für die Beziehungen zwischen den beiden Nato-Alliierten. Zugleich hatte Tillerson bekräftigt, dass US-Truppen auf unbestimmte Zeit im Nordosten Syriens stationiert bleiben sollen, um ein Wiedererstarken der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zu unterbinden und Irans Einfluss entgegenzuwirken. Während die Türkei allein damit kein Problem haben dürfte, lehnen Russland, Iran und das Regime jede weitere US-Präsenz ab.

Bei einem Luftangriff auf IS-Kämpfer in der syrischen Provinz Deir al-Sour soll der Berliner Dschihadist und Ex-Rapper Denis Cuspert getötet worden sein. Dessen Tod war bereits mehrmals fälschlich gemeldet worden. Nun verbreiteten dschihadistische Medien einen Nachruf. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete, er sei zusammen mit 14 weiteren IS-Kämpfern am Mittwoch nahe dem Ort Gharanij umgekommen. IS-Propagandakanäle bestätigten das nicht. Deutsche Sicherheitskreise gehen davon aus, dass nach dem Angriff verbreitete Bilder einer Leiche tatsächlich Cuspert zeigen, bestätigen seinen Tod jedoch bisher nicht. Das Pentagon wollte die Berichte weder bestätigen noch dementieren. Geheimdienstler warnen, dass auch fingierte Todesmeldungen von IS-Kadern verbreitet werden, um ihnen das Untertauchen oder die Flucht zu erleichtern.

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