Politik auf Facebook Wer zur "breiten Mitte" gehört - und wer nicht

Rechts die AfD, dann die CSU - und daneben ein Mitte-links-Ballungsraum von CDU bis Linkspartei.

Der im AfD-Umfeld oft sogenannte "Mainstream", also die Mehrheitsmeinungen und ihre Repräsentanten, ist auf Facebook ein dichtes Netz, um das sich fünf Parteien gruppieren: CDU, FDP, SPD, Grüne und Linke. Am Rand dieses Ballungsraums liegt die CSU und noch weiter draußen die AfD. Die Forschung von Kleinen-von Königslöw bestätigt das. Die Professorin spricht von einer anders als in den USA wenig ausgeprägten Polarisierung, sondern von einer "sehr breiten Mitte", auch auf Facebook. Was diesen Ballungsraum prägt, dem auch die Christsozialen noch relativ nahe stehen, sind Seiten, auf die sich alle einigen können - außer Anhänger der AfD:

Diese Seiten sind in erster Linie vor allem die großer Medien (Tagesschau, Spiegel Online, ZDF-heute-Nachrichten, Süddeutsche Zeitung, Stern) oder Satireseiten (Postillon, heute show). Sie landen in den Milieus fast aller Parteien weit oben in den Top 100 der beliebtesten Seiten. "Im Bereich der gesellschaftlichen Mitte gibt es keine parteipolitisch orientierte Auswahl von Informationen", sagt Kleinen-von Königslöw - sprich, der Grünen- oder CDU-Wähler konsumiert nicht gezielt ein linksliberales oder konservatives Medienmenü, sondern bedient sich am Büfett. Einen ähnlich hohen Stellenwert haben die Bundeskanzlerin, der Facebook-Auftritt der Bundesregierung und Ex-US-Präsident Barack Obama: Alle schaffen es im Umfeld fast aller Parteien in die Top 100, außer bei AfD und Linkspartei.

Wesentliches gesellschaftspolitisches Bindemittel sind darüber hinaus Facebook selbst (auch Facebook hat eine Facebook-Präsenz, mit mehr als 180 Millionen Likes), Konsum (die Facebook-Seite von Amazon rangiert bei sechs von sieben Parteien weit oben) und Fußball: Bei sechs Parteien finden die Nutzer Borussia Dortmund gut. Bei fünf Parteien (außer AfD und Linken) gefallen den Nutzern die Fußball-Nationalmannschaft, Torwart Manuel Neuer und Stürmer Thomas Müller. Deren Verein, der FC Bayern, findet sich nur bei vier Parteien (CDU, CSU, FDP und SPD) in den Top 100. Ausgenommen sind auch bei diesen unpolitischen Seiten die Rechtspopulisten, deren inhaltlicher Fokus sehr stark von Migrations- und Asylpolitik dominiert wird und zumindest auf Facebook wenig Raum für andere Interessen und Neigungen lässt.

Verengt sich der Fokus auf die Schnittmengen einzelner Parteien, spiegeln sich politische Nachbarschaften in der analogen Welt (und mögliche Koalitionspartner) auch in den Facebook-Milieus wider. Messen lässt sich das unter anderem an den Seiten der Top-100-Listen, die sich bei den Parteien überschneiden. Die meisten Überlappungen zwischen zwei Parteien finden sich trotz der Nähe der CSU zur AfD bei der Union: 65 Prozent der am häufigsten gelikten Seiten haben die Schwesterparteien CDU und CSU gemeinsam.

Ähnlich schlägt sich politische Nähe auch im Muster der am häufigsten gelikten Seiten bei SPD und Grünen sowie Grünen und der Linkspartei nieder: Sie haben jeweils mehr als 50 Prozent der Top-100-Seiten gemeinsam. Meist verbirgt sich dahinter eine Mischung aus den Facebook-Auftritten der Parteigrößen, überregionalen Medien- sowie Satire-Seiten. Die Schnittmenge von SPD und Grünen ist die zweit-, die von Linkspartei und Grünen die drittgrößte. Große Gemeinsamkeiten gibt es auch zwischen CDU und FDP sowie zwischen CSU und FDP - sie stehen in der Auswertung der Überschneidungen bei gelikten Seiten verschiedener Parteien auf den Plätzen vier und fünf.

Insgesamt am konsensfähigsten unter allen Facebook-Seiten sind die Tageszeitung Die Welt und das Politikressort von Focus Online, die beide nicht nur von Linkspartei, Grünen, SPD, FDP, CDU und CSU, sondern auch von AfD-Nutzern verfolgt werden. Das gilt auch für die Seite nametests.com, die digitale Kalendersprüche zur geistigen Erbauung anbietet, etwa "Warte nicht auf das große Wunder, sonst verpasst du die vielen kleinen" und Antworten auf so zentrale Fragen wie "Welchen Namen würde Gott dir geben?" oder "Welches Gewürz bist du?" verspricht. Das eröffnet womöglich ganz neue, im Wortsinn küchenpsychologische Deutungen und ist zwar kein großer, aber immerhin doch ein gemeinsamer Nenner.

Dieser Beitrag ist Teil der großen Datenrecherche der SZ, in der wir die politische Macht auf Facebook analysiert haben. Lesen Sie:

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