bedeckt München

Polen:Verordnete Verschwörung

Tragic government plane crash still devides Polish

Im April erinnert im polnischen Bydgoszcz Trauernde an die Opfer des Flugzeugabsturzes in Smolensk.

(Foto: Jaap Arriens / Nurphoto)

Die rechtskonservative Regierung will ihre Bürger überzeugen, dass der Flugzeugabsturz von Smolensk, bei dem der Präsident ums Leben kam, kein Unglück war. Dafür trotzt sie den Fakten.

Von Florian Hassel, Warschau

Es war Polens bestbesuchte Filmpremiere seit Jahren. Über 1700 geladene Gäste, darunter Präsident, Premierministerin und fast alle Minister, kamen in die Warschauer Oper, um als erste "Smolensk" zu sehen - ein Kinofilm über den Flugzeugabsturz, bei dem am 10. April 2010 Polens Präsident Lech Kaczyński und 95 weitere Polen starben. Den Ritterschlag für den Film, der am Freitag anlief, erteilte Jarosław Kaczyński, Lechs Zwillingsbruder und Chef der Regierungspartei "Recht und Gerechtigkeit" (Pis). "Ich lade jeden Polen, der die Wahrheit wissen will, ein, diesen Film zu sehen."

"Smolensk"-Regisseur Antoni Krauze schildert das Unglück als eine polnisch-russische Verschwörung und als einen Mordanschlag. Dabei stellten zivile und militärische Experten aus Polen und Russland eindeutig mangelnde Ausbildung der polnischen Piloten, Missachtung russischer Warnungen vor dichtem Nebel und Missachtung eigener Sicherheitsvorschriften, Druck prominenter Fluggäste auf die Crew und technische Fehler beim Anflug als Unglücksursachen fest. Die Untersuchungen der polnischen Staatskommission für Flugzeugunglücke lobten auch internationale Experten.

Lech Kaczyński stürzte in den Tod. Sein Bruder baute einen Mythos um die Tragödie

Jarosław Kaczyński akzeptierte diese Wahrheit allerdings nie. Polen war zum Zeitpunkt des Unglücks von Smolensk gespalten: Im Präsidentenpalast saß Lech Kaczyński, doch die Regierung wurde von der gegnerischen Bürgerplattform unter Ministerpräsident Donald Tusk geführt. Tusk gelang ein außenpolitischer Coup: Wladimir Putin, damals Russlands Ministerpräsident, erklärte sich bereit, zusammen mit Tusk am 7. April 2010 der Opfer von Katyn zu gedenken. Dort hatte Stalin 1940 Tausende polnischer Offiziere ermorden lassen. Beim Gedenken wollte Präsident Kaczyński nicht zurückstehen. Doch eine diplomatischem Protokoll entsprechende Einladung von Russlands Präsident Dmitrij Medwedjew fehlte. Also ließ Kaczyński seine Visite als Privatvisite planen, machte sich schließlich drei Tage nach dem Treffen Tusk-Putin nach Katyn auf - und stürzte beim Anflug auf den Flughafen von Smolensk in den Tod.

Bruder Jarosław baute schnell einen Mythos um die Tragödie auf: Dass die Regierung Tusk mindestens geschlampt, womöglich mit Moskau konspiriert habe; dass der Kreml Lech Kaczyński loswerden wollte, da er Russland etwa wegen des Krieges in Georgien kritisierte. Antoni Macierewicz, heute Polens Verteidigungsminister, stellte eine konkurrierende Pseudo-Untersuchungskommission zusammen, in der zwar kein anerkannter Experte für Flugzeugunglücke zu finden war, die aber die Verschwörungstheorien bekräftigte. Als die Pis im November 2015 die Regierung übernahm, sperrte sie die Internetseiten mit den offiziellen Untersuchungsberichten zum Unglück von Smolensk. Im August wurde die staatliche Untersuchungskommission für Flugzeugunglücke in bisheriger Form aufgelöst.

Der Erfolg der unermüdlichen Pis-Propaganda: Im April 2016 glaubten nur 29 Prozent der Polen an ein Unglück und wahrheitsgetreue Arbeit der staatlichen Ermittler, ein Drittel aber an einen Mordanschlag und Vertuschung. Der große Rest war unentschieden. Kaczyński und die Pis wollten mit dem "Smolensk"-Film vor allem diese Unentschlossenen "auf ihre Seite ziehen", so das Wochenmagazin Polityka. Mit einer ersten Fassung des Films soll Kaczyński der Gazeta Wyborcza zufolge nach einer Privatvorführung unzufrieden gewesen sein, weil der Film Verschwörung und Bomben nicht genug betonte.

Das ist nun anders. "Smolensk" beginnt mit einer Szene, in der vorausgereiste polnische Offiziere auf dem Flughafen von Smolensk auf die Ankunft der Präsidentenmaschine warten und zwei Explosionen hören - die Bomben, mit denen die Russen das Flugzeug angeblich zum Absturz brachten. Bomben und Explosionen sind frei erfunden, ebenso die Zeugen dafür. Auch der restliche Film folgt der Pis-Verschwörungstheorie. Nicht nur Kaczyński ist mit ihm zufrieden. Pis-Erziehungsministerin Anna Zalewska lobte ihn als "erzieherisches, dokumentarisches Muster".

Hunderttausende Polen werden "Smolensk" sehen. Über den Film hinaus wird der Smolensk-Verschwörungsmythos zur Staatsideologie befördert. Schon stilisiert die Pis die beim Flugzeugunglück Gestorbenen zu den "Gefallenen" von Smolensk und hebt sie so auf eine Ebene mit im Ersten oder Zweiten Weltkrieg gefallenen polnischen Soldaten. Verteidigungsminister Macierewicz verfügte, dass die Namen der in Smolensk Gestorbenen bei jeder öffentlichen militärischen Zeremonie verlesen werden müssen. In ganz Polen will die Pis Smolensk-Denkmäler aufstellen.

Auch Schulkinder sind im Visier der Pis, sie bekommen "patriotischen Unterricht"

Was ist das Ziel der Smolensk-Mythologie? In erster Linie "die Kompromittierung der gesamten politischen Elite, die bis vor Kurzem Polen regierte", analysiert Polityka. Die Pis wolle Donald Tusk und anderen führenden Politikern der heutigen Opposition "die moralische Legitimität nicht nur für künftiges Regieren nehmen", sondern sie als Polen, die "den Präsidenten getötet haben", noch dazu in Verschwörung mit dem Kreml, aus dem öffentlichen Leben ausschalten. Gelinge dies, bedeute dies für Kaczyński und seine Partei "auf Jahre hinaus ungestörtes Regieren". Schon ermitteln Justizminister Zbigniew Ziobro unterstellte Staatsanwälte erneut zu Smolensk, schon kündigt Verteidigungsminister Macierewicz angebliche neue Dokumente zu Smolensk an, schon will auch Außenminister Witold Waszczykowski Dokumente veröffentlichen, die belegen sollen, dass sich die alte Regierung mit Russland verschworen habe.

Auch Polens Schulkinder sind im Visier der Pis-Ideologen. Polens Lehrer sollen mit ihren Schulklassen zu "Smolensk"-Vorführungen gehen. Die Sommerferien verbrachten viele polnische Lehrer damit, von der Pis beschlossenen "patriotischen Unterricht" vorzubereiten, der in allen Schulen beginnen soll. Noch in diesem Jahr sollen für alle Fächer verbindliche Lehrpläne und Lehrbücher beschlossen werden - bisher hatten Polens Schuldirektoren bei beidem weiten Spielraum. Bis neue Schulbücher nach Pis-Geschmack fertig sind, liefern polnische Staatsfirmen Polens Geschichtslehrern kostenlos historische Themenhefte der stramm nationalistischen Magazine WSieci oder Do Rzecy.

© SZ vom 10.09.2016

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite