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Polen unter NS-Besatzung:"Herzen finden sich in der Atmosphäre des Kerkers"

Carlos Alberto Haas über das Leben von Juden im Ghetto.

Von Ludger Heid

Schon bald nach dem Überfall auf Polen im September 1939 zwangen die Deutschen die dortigen Juden, in Ghettos zu ziehen. Wie lebten die Menschen dort unter existenziell bedrohlichen Bedingungen? Wie war in dieser räumlichen Enge Privatheit herzustellen? Der Historiker Carlos Alberto Haas hat für sein Dissertationsprojekt in den Ghetto-Archiven von Washington, New York, Jerusalem, dem Ghetto-Kämpfer-Archiv im Kibbuz Beit Lohamei Hagetaot und weiteren Archiven verstreut lagernde Tagebücher und Briefe von Ghettobewohnern in Warschau und Łódź sowie zwei kleineren Ghettos in Tomaszów und Petrikau gesichtet. Allein das Jüdische Historische Institut in Warschau beherbergt mehr als 7000 Berichte und Aussagen von Überlebenden des Holocaust, Quellen, die den Ghettoalltag abbilden. Da von Privatheit in den Ghettos im landläufigen Verständnis kaum die Rede sein konnte, definiert Haas den Begriff als "Set sozialer Praktiken".

Bei seiner Errichtung am 8. Februar 1940 drängten sich im Ghetto Łódź 160 000 Menschen auf 4,13 Quadratkilometern in 31 000 Zimmern. Noch größere Enge prägte die Wohnsituation im Warschauer Ghetto, wo im Januar 1941 auf drei Quadratkilometern bebauter Fläche um die 400 000 Menschen in Zwangsgemeinschaft lebten. In Petrikau wohnten etwa fünf Personen in einem Zimmer, das heißt bis zu 110 Personen in einem Haus. Eine Wohnung im Ghetto zu finden, war nachgerade aussichtslos. Der Pädagoge und Linguist Chaim Kaplan verglich in seinem Tagebuch die Situation in Warschau in biblischer Konnotation: "Eine Wohnung zu finden ist so schwer, wie trockenen Fußes das Schilfmeer zu überqueren."

Young men transporting goods using hand carts.

Am Tag Zwangsarbeit und der Versuch, zu überleben; nachts eingesperrt in der Wohnung: Ghetto Lodz, 1942.

(Foto: Universal Images Group via Getty)

Angesichts der häuslichen Enge war auch innerhalb einer Familie eine Trennung der Geschlechter etwa im Hinblick auf das Schlafen nicht mehr möglich. Die Familienmitglieder schliefen gemeinsam auf dem Boden oder auf Sofas. Möglichkeiten, sich zurückzuziehen und Momente der Intimität gab es keine. Das Konfliktpotenzial war hoch, selbst unbedeutende Vorkommnisse konnten Streit auslösen. Andererseits stärkte die Bedrohungserfahrung das Zusammengehörigkeitsgefühl.

In Warschau und Łódź drängten sich Hunderttausende

Die Realität in den Ghettos war geprägt von katastrophalen hygienischen und sanitären Bedingungen, von Nahrungsknappheit, Krankheiten, Zwangsarbeit und Deportationen, ab einem gewissen Zeitpunkt vom Wissen um die eigene Vernichtung. Es gab keine Freizeit in Abgrenzung zur Arbeitszeit, es gab keine private häusliche Sphäre. Kurzum: Die permanente existenzielle Bedrohung machte Privatheit scheinbar undenkbar - jedenfalls nach heutigem Verständnis.

Um der Enge des hoffnungslos überfüllten Ghettos zu entgehen, rissen die Bewohner die Wände ihrer Keller und Dachböden ein und verschoben so die herkömmlichen Grenzen zwischen privater und öffentlicher Sphäre. Auf diese Weise gewannen sie die verlorene Bewegungsfreiheit ein Stück weit zurück, um ihren Wunsch nach Nähe erfüllen zu können.

Im Ghetto war die Hausgemeinschaft die wichtigste räumliche Bezugsgröße. Die meiste Zeit des Tages verbrachten Juden bei Zwangsarbeit, den Rest der verbliebenen Zeit im beengten Zuhause. Das Haus war ein Ort sozialer Interaktion. Wenn die Bewohner abends nach Hause kamen, mussten sie im Dunkeln sitzen, da es verboten war, nach 20 Uhr elektrisches Licht zu benutzen. Vor allem während der Wintermonate, in denen es bereits nachmittags dunkel wurde, schränkte dieses Verbot jede Aktivität wie etwa das Lesen ein.

"Mit einem Wort: Bel ami! Beruf: Lumpensammler."

Trotz der obwaltenden Umstände gab es im Ghetto Liebe und Liebesgeschichten, auch Affären. Gerade für junge Menschen überstrahlten erste sexuelle Erfahrungen die sonstigen negativen Erlebnisse. Ruth Goldbarth etwa schreibt ihrer Freundin Edith Blau über einen Verehrer: "Der ideale Flirt ... Groß und fabelhaft gewachsen, mit einem frechen, hübschen Jungengesicht, bestimmt nicht übermäßig klug, aber witzig und guter Laune. Mit einem Wort: Bel ami! Alter: keine zwanzig. Beruf: Lumpensammler."

Das Warschauer Ghetto

Ständiger Terror: Kontrolle von Bewohnern des Warschauer Ghettos durch die deutschen Besatzer. Aufnahme vom September 1939.

(Foto: dpa)

Eheschließungen waren verbreitet und hatten nicht zuletzt ihren Grund darin, gemeinsam besser den Notlagen widerstehen zu können. Oskar Rosenfeld, einer der Chronisten des Ghettos Łódź, schreibt in sarkastischem Tonfall: "Herzen finden sich in der Atmosphäre des Kerkers." Im Mai 1942 heirateten allein in Łódź 42 Paare; teilweise aus Angst, ohne Trauschein bei einer Deportation getrennt zu werden.

Tagebucheintragungen belegen schonungslos schier unvorstellbare Ereignisse, wie sie Abraham Lewin im Warschauer Ghetto am 13. Mai 1942 notierte: Darin schildert er, wie die Deutschen eine Gruppe jüdischer Männer und Frauen zwangen, sich im Bad nackt auszuziehen und sexuelle Handlungen aneinander vorzunehmen. Die Uniformierten filmten diese Szene, wohl auch, um ihre eigene voyeuristische Perversion zu befriedigen. Dies war zugleich Teil eines Systems der sexuellen Denunziation, um die vermeintliche Triebhaftigkeit von Juden als potenzielle Sexualverbrecher zu belegen. Lewin empfand die psychische und physische Grausamkeit, die sich hier offenbarte, als zu barbarisch, um sie in Worte zu fassen, es gäbe für ein solches Ereignis, notierte er, keine Bezeichnung in "unserer verarmten Zunge".

Es war gefährlich, auf SS oder andere Bewacher zu stoßen, die Bevölkerung war zu jeder Tages- und Nachtzeit permanent von Terroraktionen der Deutschen bedroht. Unter diesen Umständen mussten die Insassen des Ghettos ihre sozialen Praktiken situativ anpassen und zum Teil grundlegend revidieren, um sich Residuen menschlicher Autonomie zu bewahren, so Haas.

Die Deutschen zerstörten die religiöse Infrastruktur, verboten jedwede religiöse Praktiken. Im Tagebuch des Chaim Kaplan findet sich zum Verbot, Pessach 5701 (1941) zu feiern, der Eintrag: "Ich fürchte, dass wir unseren Feiertag in einen Werktag verwandeln werden. Zum Gebet gibt es weder Synagogen noch Lehrhäuser. Ihre Tore sind geschlossen und Finsternis herrscht in den Zelten Israels. Zum Essen und Trinken gibt es weder Matzen noch Wein".

Der Anblick von Leichen auf den Straßen wurde normal

Trotz der vielen Restriktionen und Verbote erwiesen religiöse Praktiken große Beharrungskraft, wenngleich mancher keine Antworten auf die Erfahrung von Verfolgung, Leid und Vernichtung fand und an dem "untätigen" jüdischen Gott zu zweifeln begann. Gleichwohl unternahmen Ghettobewohner große Anstrengungen, die Lebensführung weiterhin nach religiösen Geboten auszurichten. So fanden ursprünglich öffentliche Dinge wie Schulunterricht oder Gottesdienste nur noch in privaten Räumen verborgen statt.

Carlos Alberto Haas: Das Private im Ghetto. Jüdisches Leben im deutsch besetzten Polen 1939 bis 1944. Wallstein Verlag, Göttingen 2020. 370 Seiten, 32 Euro.

(Foto: Wallstein)

Aus der Vorstellung, trotz allem eine bessere Zukunft vor sich zu haben, schöpften viele im Ghetto Kraft und Durchhaltevermögen für eine Zukunft - eine trügerische Hoffnung. Izrael Orenbach schrieb im April 1940: "Wir küssen uns durch die Briefe hindurch und denken: Alles wird gut. Irgendwann, wenn ich ein alter Mann bin, werde ich diese Briefe lesen und denken: Ich war so jung, und alles war so schön". Orenbach sollte sich irren - er wurde 1942 in Treblinka ermordet, 22-jährig.

Der Überlebenswille schwand in dem Maße wie die Sterblichkeitsrate zunahm. Längst gaben die Vernichtungsaktionen den Takt vor, an dem sich das Leben im Ghetto ausrichtete, und es war wahrscheinlicher zu sterben und auf dem jüdischen Friedhof beerdigt zu werden, als das Ende der Ghettoisierung zu erleben.

Das Sterben der Menschen geschah vor den Augen aller Ghettobewohner, jeder konnte die Agonie der Sterbenden sehen und hören. Man gewöhnte sich daran, dass der Tod in der Öffentlichkeit stattfand und nicht mehr im geschützten Raum eines Privatzimmers. Der Anblick von Leichen war normal geworden.

Die einzigartigen schriftlichen Zeugnisse der "Ghettomenschen" lassen sich als der stolze Rest von Normalität und Humanität in einem Kosmos voller Terror lesen. Die Tagebuchschreiber gaben ihren Erlebnissen und Erfahrungen im Prozess des Schreibens eine gewisse Ordnung. Sie versuchten, durch das Schreiben einer aus den Fugen geratenen Welt einen Sinn zu geben und der Nachwelt klarzumachen, dass das Erlebte tatsächlich passiert war. Haas zeigt, dass Juden nicht nur passive Opfer und eine "amorphe Masse" waren, sondern aktiv versuchten, sich eigene "private" Prioritäten zu setzen - ihre Form von Widerstand. Gerade das Schreiben, das Zeugnis-Ablegen, eröffnete vielen Ghettobewohnern eine Möglichkeit, in einer fremdbestimmten Umwelt einen Ausdruck von Selbstbestimmung und Autonomie zu finden.

Durch die Lektüre der Haas'schen Untersuchung wird der Leser an die ursprüngliche Bedeutung des Privat-Begriffs als etwas Geraubtes erinnert, an das Private im Ghetto als etwas, das verteidigt und geschützt werden musste. Das konnte angesichts eines vom Vernichtungswillen getriebenen Feindes nur bescheiden gelingen.

Ludger Heid ist Neuzeithistoriker. Er lebt in Duisburg.

© SZ vom 21.12.2020
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