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Polen:Stumm geschaltet

die wegen zu großer Offenheit in der Corona-Krise gefeuerte polnische Hebamme Renata Piżanowska

Die polnische Hebamme Renata Piżanowska ist fristlos entlassen worden, nachdem sie die Arbeitsbedingungen an ihrem Krankenhaus in Nowy Targ kritisiert hatte.

(Foto: privat)

Auch in Polen sehen Pflegekräfte oder Ärzte die Mängel im Gesundheitssystem. Aber sie müssen schweigen.

Es ist Mitte März, als Renata Piżanowska im Fernsehen Polens Präsident Andrzej Duda beim Besuch in Krakau sieht. Krankenhausdirektoren sorgten sich da um ausreichend Schutzausrüstung für Ärzte und Schwestern. Der Präsident verspricht Abhilfe. Noch, so sagt Duda, sei "die Situation zu 100 Prozent unter Kontrolle". Doch Piżanowska, Hebamme im Johannes-Paul-II-Krankenhaus von Neumarkt (Nowy Targ) südlich Krakaus, sagt: "Polens Krankenhäuser sind auf das Coronavirus nicht vorbereitet."

In ihrer eigenen Klinik, in der sie seit 26 Jahren arbeitet, fehlt wie vielerorts in Polen Personal, weil Ärzte und Krankenschwestern lieber in Deutschland oder in England arbeiten. Renata Piżanowska, 48 Jahre alt, ist im ihrem Land geblieben, bei einem Gehalt von umgerechnet 875 Euro. Polen hat lange wenig in sein Gesundheitssystem investiert. Und es hat das Coronavirus wie der Rest Europas als fernes Problem angesehen.

Ein Facebook-Post der Hebamme, die nicht einmal Handschuhe hat, reichte zu ihrer Entlassung

Renata Piżanowska arbeitet auf der Geburtsstation. Eigentlich soll sie jetzt einen Sicherheitsabstand von zwei Metern zu Patienten einhalten. "Praktisch ist das nicht möglich", sagt Pizanowska in einem Telefoninterview. "Schließlich kann ich bei einer werdenden Mutter voller Angst nicht in der Tür stehen bleiben und sie von da aus beruhigen."

Theoretisch müssen Einweghandschuhe nach jedem Kontakt weggeworfen werden. Doch Piżanowska zufolge gibt es überhaupt keine Schutzhandschuhe. Ebenso fehlten Kittel und Hauben, Schutzbrillen für die Ärzte, Schutzmasken und Overalls und eben Einweghandschuhe. Und so stellt Piżanowska am 18. März nach einer zwölf Stunden-Schicht ein Foto ihrer selbstgebastelten Schutzmaske und ihrer vom Waschen mit Desinfektionsmittel aufgerauhten Hände auf ihre Facebook-Seite. "Herr Präsident, wie man sieht, haben wir nicht alles. Ich habe nicht einmal die grundlegendste Ausrüstung, um mich und meine Patienten zu schützen. Und ich weiß nicht, ob meine Patientin gesund ist, ja ich weiß nicht einmal, ob ich selbst gesund bin", schreibt sie dazu.

Nach der nächsten Nachtschicht ruft sie Krankenhausdirektor Marek Wierzba an, der auch lokaler Ratsherr der Regierungspartei PiS ist, zu sich - und entlässt Piżanowska fristlos: Sie habe dem guten Namen des Krankenhauses geschadet und Patienten in Panik versetzt. "Tatsächlich bin ich entlassen worden, weil ich die Wahrheit gesagt habe - und um anderen Medizinern zu zeigen: Klagt nicht, kommentiert nicht, kritisiert nicht", sagt die Hebamme.

Mediziner aus ganz Polen berichten Ähnliches wie Renata Piżanowska. Es sei allgemein bekannt, "dass unser Land nicht ausreichend gut auf den Kampf gegen die Verbreitung der Epidemie vorbereitet ist", stellt am 26. März auch Professor Andrzej Matyja fest, der Präsident des Polnischen Ärzterates. Über alle Mängel hätten die Ärzte die Regierung ausführlich unterrichtet.

Doch Bürgern gegenüber stellt die Regierung ihre Vorbereitung als vorbildlich dar. Vize-Gesundheitsministerin Józefa Szczurek-Żelazko ermahnte die Gesundheitsverantwortlichen am 20. März, Meinungen über die Epidemie, Bedrohungen des medizinischen Personals oder Schutzkleidung dürfe "ausschließlich der Staat von sich geben". Krankenhausdirektoren verbieten ihrem Personal jedwede Äußerung zu Mängeln.

Die Anweisungen verletzen Polens Bürgerrechtskommissar Adam Bodnar zufolge das Verfassungsrecht auf freie Meinungsäußerung, dazu das Recht der Polen auf umfassende Information. Bodnar protestiert auch gegen Piżanowskas Entlassung - bisher erfolglos. Der Krankenhausdirektor in Neumarkt hat erklärt, er gebe keine Kommentare ab - alle Fragen würden vor dem Arbeitsgericht entschieden.

© SZ vom 03.04.2020

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