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Polen:"Seit es 500+ gibt, kommen auch Obst und Gemüse auf den Tisch"

"Wer am Theater arbeitet", sagt Rochowska, "kommt gerade so über die Runden". Für Anna und Marcin Rochowska reicht das Geld nur, weil sie mit den Kindern in einer von den Eltern übernommene 70-Quadratmeter-Wohung leben und keine Miete zahlen müssen. Fuhren die Rochowkas im Sommer an die Ostsee, lag das Budget für zehn Tage Zelturlaub bei unter 500 Euro. "Wir haben immer bescheiden gelebt und uns vor allem von Nudeln und Kartoffeln ernährt", sagt Anna Rochowska. "Seit es 500+ gibt, kommen auch Obst und Gemüse auf den Tisch. Und wir können etwa unserer Tochter Ida auch eine wöchentliche Stunde Schlagzeugunterricht bezahlen."

Was aber bringt 500+ gesellschaftlich? Die Regierung kostet das Kindergeldprogramm jährlich umgerechnet gut fünf Milliarden Euro - nicht wenig bei einem Staatshaushalt von umgerechnet gerade 83 Milliarden Euro. Familien- und Arbeitsministerin Elżbieta Rafalska zufolge beziehen die Eltern von 3,87 Millionen polnischen Kindern 500+ - gut die Hälfte aller polnischen Kinder unter 18. Kinderarmut sei so "praktisch eliminiert", lobte sich die Ministerin. Ökonomen von Weltbank oder EU-Kommission sind zurückhaltender. Doch auch sie sehen eine Verringerung von Armut in kinderreichen Familien. Erste Zahlen aus Wöchnerinnenstationen deuten an, dass das Programm in Polen auch die Geburtenrate - bisher eine der niedrigsten in Europa - steigen lässt.

Die Kehrseite: Nur 2016 waren die Milliardenkosten für das Kindergeld durch Sondererlöse wie Privatisierungen gedeckt. Jetzt steigen Haushaltsdefizit und Staatsverschuldung. Zudem befürchten manche, dass das Kindergeldprogramm die Abhängigkeit Hunderttausender Polen von Sozialleistungen zementieren könnte. 45 Prozent der Sozialleistungen beziehenden Polen sind im arbeitsfähigen Alter, doch vor allem auf dem Land oft arbeitslos. 500+ wird nicht mit anderen Leistungen verrechnet, sondern zusätzlich gezahlt.

Aneta Zajac, Leiterin des Sozialamtes der Gemeinde Stary Brus, berichtete dem Wochenmagazin Polityka, seit Beginn von 500+ bezögen einige Einwohner der armen Gemeinde an der Grenze zur Ukraine Sozialleistungen von umgerechnet gut 1000 Euro monatlich. Der Mindestlohn in Polen liegt bei umgerechnet knapp 430 Euro. "Wozu noch arbeiten?", kommentierte die Sozialamtsleiterin die Unlust vieler Klienten, auf Jobangebote einzugehen.

Polnische Frauen bleiben zudem öfter zu Hause als in anderen EU-Ländern: Während 73,6 Prozent der deutschen Frauen arbeiten gehen und gar 78 Prozent der Schwedinnen, haben nur knapp 61 Prozent der Polinnen einen Job, so Zahlen der EU-Statistikbehörde Eurostat. Das Kindergeld-Programm sorgt ersten Forschungen zufolge für einen weiteren Rückzug vieler Polinnen vom Arbeitsmarkt.

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