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Polen:Schluss mit dem Versteckspiel

In Polen sorgt wieder einmal ein Dokumentarfilm über sexuellen Missbrauch durch Geistliche für helle Aufregung. Dieser zeigt auch, wie wenig Interesse die Kirche an Aufklärung hat.

Es waren zwei Erdbeben in kurzer Zeit für Polens katholische Kirche. Erst zog ab Ende September 2018 der Spielfilm "Klerus" Millionen Polen in die Kinos. Dann beschrieb im Mai 2019 auch der Dokumentarfilm "Bloß sage es niemandem" der Brüder Marek und Tomasz Sekielski sexuellen Missbrauch in der Kirche, bis dato ein Tabu im überwältigend katholischen Polen. Sowohl die Bischofskonferenz wie führende Politiker versprachen rückhaltlose Aufklärung und Ahndung.

Jetzt haben die Sekielski-Brüder den nächsten Film veröffentlicht: "Zabawy w chowanego" ("Versteckspiele"). Wieder geht es um den Missbrauch durch katholische Priester und die systematische Vertuschung durch Kirche und Justiz. Der 90-minütige Film, binnen Tagesfrist mehr als drei Millionen Mal im Internet abgerufen, erzählt die Geschichte von Jakub und Bartołomiej Pankowiak, die als Kinder in Westpolen über Jahre vom Gemeindepriester Arkadisuz H. sexuell missbraucht worden sind.

Der vorgesetzte Bischof Edward Janiak aber ging den Filmemachern zufolge lange ebenso wenig gegen Arkadisuz H. vor wie gegen Pawel K., einen anderen über Jahre durch Missbrauch auffallenden Priester. Der Bischof, der die Fakten in einer am Samstag veröffentlichten Erklärung nicht einmal bestritt, informierte aber auch nicht wie vorgeschrieben die für die Verfolgung von Missbrauchsfällen zuständige Glaubenskongregation im Vatikan. Das tat erst Erzbischof Wojciech Polak, der Primas der katholischen Kirche, nachdem er am Samstagmorgen den Dokumentarfilm gesehen hatte.

Polak tritt als einer der wenigen Hierarchen oft für Aufarbeitung und Verfolgung des sexuellen Missbrauchs ein - anders als etwa Erzbischof Stanisław Gądecki, der Vorsitzende der polnischen Bischofskonferenz. In Gądeckis Amtssitz Posen machte etwa der Fall von Krzysztof G. Schlagzeilen, der als Priester von 2001 bis 2013 Dutzende Ministranten vergewaltigte oder anders sexuell missbrauchte. Erst mit jahrelanger Verzögerung handelte die Kirche und entzog G. die Priesterweihe. Die Herausgabe der kirchlichen Prozessakten an die Staatsanwaltschaft aber verweigert der Erzbischof bis heute. Als ein Gericht dem Erzbischof Mitte Juni 2019 eine Woche Zeit gab, um die Akten herauszugeben, ließ Gądecki erklären, diese seien jetzt, leider, im Vatikan.

Viele Bischöfe und die Justiz verweigern oftmals eine Aufklärung der Fälle

Die Staatsanwaltschaft verzichtete auf eine Hausdurchsuchung ebenso wie auf ein Verhör des Erzbischofs. Auch ein Amtshilfeersuchen an den Vatikan unterblieb. Für solche Zurückhaltung gibt es Gründe. Polens nationalpopulistische Regierung ist eng mit katholischen Hierarchen verbunden und setzt auch bei Wahlen auf deren Unterstützung. Und Justizminister Zbigniew Ziobro ist als Generalstaatsanwalt auch Vorgesetzter aller Staatsanwälte.

Am 23. Januar 2019 wies die Generalstaatsanwaltschaft Polens Staatsanwälte an, gegenüber der Kirche bei der Herausgabe von Akten auf "Zusammenarbeit" zu setzen und auf "die Anwendung ihrer Vollmachten auf antagonistische Weise zu verzichten". Nur in "einzelnen, außergewöhnlich begründeten Fällen" solle Aktenherausgabe erzwungen werden. Zudem müsse zuvor Warschau informiert werden, so das der SZ in Kopie vorliegende Schreiben, über das zuerst der Infodienst gazeta.pl berichtet hatte.

Die bekanntgewordenen Missbrauchsfälle beschreiben aber nur die Spitze des Problems. Im März 2019 sprach die Bischofskonferenz von nicht einmal 400 Missbrauchsopfern seit 1990. Die Psychotherapeutin Barbara Smolińska bietet von Priestern missbrauchten Frauen einmal pro Woche ein Hilfetelefon an. Von 100 Missbrauchsopfern, die sich im vergangenen Jahr gemeldet hätten, sei niemand im Bericht der Bischöfe erfasst worden, sagte Smolińska dem katholischen Wochenmagazin Tygodnik Powszechny (TP). Fachleute gehen von Tausenden oder gar Zehntausenden Opfern aus.

Nicht nur weite Teile von Kirche und Justiz verweigern echte Aufarbeitung. Polens Parlament beschloss am 30. August 2019 die Gründung einer staatlichen Untersuchungskommission über sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen. Geschehen ist bis heute nichts.

Auch im Vatikan mangelt es gut ein Jahr nach einer von Papst Franziskus einberufenen Bischofskonferenz beim Thema Missbrauch oft an Konsequenz. So zeigte Ende Mai 2019 eine Gläubige in der Warschauer Vatikan-Vertretung den Bischof Jan Szkodoń wegen sexuellen Missbrauchs an - der Bischof bestreitet dies. Die Glaubenskongregation begann nach der ersten Anzeige überhaupt gegen einen polnischen Hierarchen erst knapp acht Monate später, den Vorwürfen nachzugehen, beklagte das Wochenmagazin Tygodnik Powszechny kürzlich.

© SZ vom 18.05.2020

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