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Polen:Was es heißt, in Polen zur LGBTQ-Gemeinde zu gehören

Equality March And Anti-LGBT Protests In Warsaw

Demonstration mit Regenbogenflagge in Warschau im August.

(Foto: Maciej Luczniewski/Getty Images)

Netzwerke berichten von immer mehr tätlichen Angriffen, von Selbstmorden Verzweifelter und von einer Polizei, die nicht hilft, sondern droht. Doch die Szene wehrt sich.

Von Viktoria Großmann

Im August schwenkte der Psychologie-Student Dominik Puchała in Warschau eine Regenbogenfahne. Er wollte die polnische Transgender-Aktivistin Margot unterstützen. Sie war kurz zuvor inhaftiert worden, es folgten Solidaritätsbekundungen aus aller Welt. Puchała und andere stellten sich dem Polizeiwagen in den Weg, in dem Margot ins Gefängnis gebracht wurde. Die Polizei habe sofort sehr brutal reagiert, schreibt er per E-Mail. Er wurde zusammen mit 47 anderen festgenommen. Puchała konnte niemanden benachrichtigen, ein Anwalt, den seine Freunde organisiert hatten, habe ihn nicht erreichen können. Mehr als 24 Stunden sei er festgehalten worden, so der 22-jährige Student. Er sei mehrmals verlegt worden, zuletzt zu einer Wache außerhalb von Warschau. "Einer der Wachen sagte, er würde einen Skinhead in meine Zelle lassen. Er drohte mir, ich würde vergewaltigt. Dann würde ich herausfinden, was LGBT wirklich bedeutet."

Was es heißt, in Polen homosexuell zu sein, Transgender, oder vielleicht auch einfach nur ein bisschen anders - abweichend von der konservativen, strengen Familiennorm der katholischen Kirche und der Regierungspartei PiS, Recht und Gerechtigkeit, das scheinen immer mehr Menschen, die sich zur LGBTQ-Gemeinde zählen, schmerzhaft zu erfahren. Die Netzwerke berichten von tätlichen Angriffen, von Selbstmorden Verzweifelter und von einer Polizei, die nicht hilft, sondern droht. Fast täglich liefern Kirchenleute oder Politiker Vorlagen für diesen Hass.

Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer und mehr, das sei eine Ideologie, das behauptet nicht nur Justizminister Zbigniew Ziobro, das sagt auch Staatspräsident Andrzej Duda. Homosexualität wird von oberster Stelle oft gleichgesetzt mit Pädophilie, selbst die Kampagne für den Präsidentschaftswahlkampf Dudas war sich nicht zu fein, zu verbreiten, die liberale Partei des Gegenkandidaten Rafał Trzaskowski fordere, Grundschulkindern das Masturbieren beizubringen. Dabei hatte Trzaskowski als Bürgermeister von Warschau lediglich eine sogenannte LGBT-Charta unterzeichnet und sich damit zur Toleranz in seiner Stadt bekannt.

Hubert Sobecki setzt sich seit etwa zehn Jahren mit der Organisation "Liebe grenzt nicht aus" in Warschau für die Rechte von LGBT ein. Der Verein hatte Trzaskowski jene Charta vorgelegt - sich aber mehr als nur Worte erhofft. Sobiecki wirft der Bürgerplattform PO für die Trzaskowski im Juli antrat, Tatenlosigkeit vor. "Das Haus brennt und sie reichen dir ein Glas Champagner statt einem Eimer Wasser." Was die PO von der PiS unterscheide, sei, dass die PO sich nicht an den Hetzreden beteilige. Im Parlament seien immer wieder Gesetzesinitiativen zum Schutz sexueller Minderheiten gescheitert. Obwohl Gewalt gegen Homosexuelle ein großes Problem sei, nähmen Polizei und Gerichte den Hass auf sexuelle Minderheiten nicht ernst. Der Straftatbestand fehlt.

Doch die Szene wehrt sich. In immer mehr Orten entstehen Initiativen, gehen die Menschen auf die Straße. Viele Paraden, auch die mit 70 000 Teilnehmern größte in Warschau, fielen im Pandemiejahr aus. Doch in Breslau schlossen sich am Samstag immerhin 3000 Menschen dem jährlichen "Marsch der Gleichheit" an. Am Sonntag gab es in Breslau zudem eine Protestkundgebung gegen den neuen Bildungsminister Przemysław Czarnek, der an diesem Montag vereidigt wird. Er lehnt jegliche Gleichstellung Homosexueller ab. Polnische Medien zitieren ihn mit dem Satz: "Diese Menschen sind normalen Menschen nicht gleichgestellt." Die Gesellschaft in Polen erscheint gespalten. Laut Eurobarometer befürworten 49 Prozent der Polen gleiche Rechte für LGBT. In Deutschland sind es 88 Prozent.

Je kleiner die Stadt und je weiter im Osten des Landes, desto gefährlicher kann es sein, an einem solchen Umzug teilzunehmen. Im Juli 2019 griffen Rechtsextreme einen Demonstrationszug mit 1000 Menschen in der 300 000-Einwohner-Stadt Białystok nahe der weißrussischen Grenze an. Steine und brennende Feuerwerkskörper wurden auf die Menschen in der bunten Parade geworfen, faule Eier, Glasflaschen mit Urin gefüllt. "Wir wussten nicht, wohin. Ich hatte Angst um mein Leben", sagt Małgorzata heute, wenn sie sich daran erinnert.

"Sie wollen Angst verbreiten"

Małgorzata, 22, gehört zu jenen, die am liebsten das Land verlassen würden. "Die Parade in Warschau gibt es fast so lange wie ich auf der Welt bin", sagt sie. "Und was haben wir erreicht?" Die Wiederwahl von Andrzej Duda war ein Schlag für sie. Die Wahl ging sehr knapp aus, die Hoffnung auf Trzaskowski war - trotz aller Kritik - groß. Auch die Linguistikstudentin Małgorzata setzt sich für die Aktivistin Margot an. Diese ist mittlerweile wieder frei und wartet auf ihren Prozess. Margot hatte einen Lieferwagen einer Organisation radikaler Abtreibungsgegner angegriffen. Diese Lieferwagen fahren mit homophoben Aufschriften durch die Gegend - juristisch lässt sich dagegen nichts machen. Margot versuchte es mit Gewalt, auch der Fahrer wurde verletzt.

"Sie wollen Angst verbreiten", sagt Mikołaj Cześnik von der SWPS-Universität für Geistes- und Sozialwissenschaften Warschau. Es sei eine Strategie der Regierungspartei PiS und ihrer zwei kleinen Mitstreiter, die Gesellschaft zu polarisieren. "Im Wahlkampf 2015 ging es gegen die Flüchtlinge", sagt Cześnik. "Und jetzt eben gegen Homosexuelle." Nach dieser Lesart, die nicht nur Cześnik teilt, sind Politiker wie Justizminister Ziobro nicht einmal besonders überzeugt von ihren eigenen Thesen. Doch der Hass, den sie schüren, fordert reale Opfer. In der vergangenen Woche berichteten die Medien vom Suizid einer Schülerin, die wegen ihrer sexuellen Orientierung an ihrer Schule gemobbt worden sei.

Laut Organisationen wie der von Hubert Sobecki ist das kein Einzelfall. Es gebe Studien nach denen bis zu 70 Prozent der homosexuellen Jugendlichen in Polen schon einmal Suizidgedanken hatten. In Warschau wurden auf den Fall der Schülerin hin die Namen weiterer Jugendlicher, die Suizid begangen hatte, an die Hauswand des Bildungsministeriums gesprüht. Der Minister gab eine Pressekonferenz vor der besprühten Mauer. Und erklärte, Barbaren hätten das historische Gebäude angegriffen. Über die Jugendlichen verlor er kein Wort.

Weil es offiziell keine Gewalt gegen sexuelle Minderheiten gibt, gibt es auch keine Statistiken. "Keine Daten, kein Problem", sagt Sobecki. Immerhin erhöhe sich mit den zunehmenden Hassreden auch die Solidarität - im In- und Ausland. Vor einer Woche unterzeichneten 50 Botschafter einen Brief für Toleranz. Und nach dem Vorfall im August richteten einige Anwälte gemeinsam eine zentrale Notrufnummer ein. "Die verteilen wir jetzt an alle, die an Aktionen teilnehmen", sagt Sobecki. "Man muss immer vorbereitet sein, vielleicht festgenommen zu werden", sagt auch Małgorzata. Sie will aber demnächst nach Italien gehen, wenigstens für ein Semester, mit Erasmus.

© SZ vom 05.10.2020/hij
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