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Missbrauch in Polens katholischer Kirche:"Wir brauchen eine neue Mentalität"

Easter Mass in Gniezno, Poland

Wojciech Polak, Erzbischof von Gniezno (Gnesen).

(Foto: Marek Zakrzewski/picture alliance/dpa)

Der Primas der polnischen Bischöfe erklärt, warum eine Entschuldigung nicht reicht. Die gemeldeten Opferzahlen seien vielleicht nur die Spitze des Eisbergs.

Wojciech Polak, 54, ist Erzbischof von Gniezno (Gnesen), dem ältesten katholischen Erzbistum Polens, und als Primas von Polens Bischöfen der Erste unter Gleichen. Polak gilt in der Kirche als Liberaler.

SZ: Herr Primas Polak, Sie haben gerade einen Maßnahmenkatalog gegen Missbrauch in Ihrer Diözese vorgestellt. Polens Bischöfe hatten seit 2001 die Pflicht, jede Meldung über sexuellen Missbrauch zu prüfen und Rom zu melden. Das ist in der Praxis selten passiert. Warum?

Wojciech Polak: Wir brauchen eine neue Mentalität. Wir haben in der Kirche eine starke, lähmende Kultur umfassender Diskretion. Zudem wuchsen wir im repressiven kommunistischen System auf, als die Kirche etliche Dinge geheim hielt. Auch nach 2001 hatten viele Bischöfe die alte Angst davor, etwas aufzudecken. Und etliche Angaben über Missbrauch kamen erst spät, seit 2010, 2012. Was nicht heißt, dass es Missbrauch vorher nicht gab. Wir müssen uns jetzt nicht nur entschuldigen, sondern auch die Opfer anhören, um die Mentalität zu ändern.

In anderen Ländern, den USA, in Irland oder Deutschland sind die Missbrauchsberichte Hunderte oder gar Tausende Seiten lang. Der Bericht der polnischen Kirche umfasst sieben Seiten. Warum so knapp?

Die vordringliche Frage war: Wie viele Missbrauchsfälle gab es? Der Bericht sollte schnell die Größenordnung klarmachen, weniger Ursachen und gesellschaftliche Bedingungen schildern. Wir wissen, dass der Bericht zu kurz ist. Für die Zeit vor 1990 gab es oft keine Dokumente, weil unter dem kommunistischen Regime - anders als in westlichen katholischen Kirchen - sehr wenig aufgeschrieben wurde.

Andere Kirchen haben Kriminologen eingebunden oder Zeitzeugen befragt.

In meiner Diözese habe ich alle Missbrauchsopfer, ganz gleich welcher Epoche, wiederholt eingeladen, sich an mich zu wenden und denjenigen, die es getan haben, ausdrücklich für ihren Mut gedankt.

Der Bericht nennt für Polen 382 Missbrauchsfälle seit 1990. In anderen Ländern ist die Fallziffer viel höher. Haben Sie in Polen tatsächlich auch Tausende oder gar Zehntausende Missbrauchsopfer?

Die 382 Missbrauchsfälle sind diejenigen, die von 1990 bis 2018 überhaupt gemeldet wurden. Ich bin überzeugt, dass wir nicht alle Opfer empfangen und erfasst haben - das ist jetzt unsere Aufgabe. Auch im Polnischen gibt es die Formulierung von der Spitze des Eisberges. Aber wie groß der Teil unter Wasser ist, ob es Tausende Opfer sein werden - wir wissen es nicht.

Der Vorsitzende der Bischofskonferenz sagt aber, die Vorwürfe sollten "die Autorität der Kirche untergraben". Sein Stellvertreter verglich die Forderung nach "null Toleranz" gegenüber Kinderschändern mit dem Verhalten der Nazis oder Bolschewiken gegenüber ihren Feinden. Warum sagen sie so etwas?

Ich weiß es nicht. Sie müssen die beiden selbst fragen. Ich selbst habe im März gesagt, dass Missbrauch ein großer Schmerz und eine Schande für die Kirche ist.

Fühlen Sie sich mit Ihrer Forderung nach rückhaltloser Aufarbeitung allein?

Nein. Es gab schon vor Jahren, als ich noch Generalsekretär der Bischofskonferenz war, eine Pressekonferenz, auf der ich mich - im Namen der polnischen Bischöfe - für Missbrauch ausdrücklich entschuldigt habe. Auch jetzt bitten immer mehrere polnische Bischöfe die Opfer um Vergebung.

Aber wenn sich der Vorsitzende der Bischofskonferenz und sein Stellvertreter nicht ausdrücklich entschuldigen, gibt dies der heutigen Kirche den Ton vor.

Das stimmt, aber man muss auch wissen, dass unsere Bischofskonferenz sich schon in einem Schreiben vom November 2018 bei Gott, bei den Opfern und ihren Familien und bei der ganzen Kirche in Polen entschuldigt hat.

Wird Polens katholische Kirche noch einen ausführlichen Bericht über Missbrauch vorlegen?

Bisher haben wir darüber nicht beraten. Ein Schlüsselmoment wird sicher der Besuch von Erzbischof Charles Scicluna, der im Vatikan für Missbrauchsbekämpfung zuständige Vize-Chef der Glaubenskongregation. Scicluna kommt Mitte Juni zum Treffen der polnischen Bischofskonferenz.

Wird es auch Aufklärung über Henryk Jankowski geben, den 2010 gestorbenen legendären Priester der Solidarność-Bewegung, der Kinder missbraucht haben soll? Danzigs heutiger Erzbischof lehnt eine Untersuchung ab.

Ich bin der Meinung, dass wir hier eine gemeinsame Kommission der Kirche, staatlicher Behörden und Historiker einsetzen sollten.

Erzbischof Grzegorz Ryś aus Łódź hält Kinderschändung für einen "Ausdruck des Machtmissbrauchs in der Kirche". Stimmen Sie ihm zu?

Der Missbrauch von Macht, die ein Priester in einer Gemeinde über die Gläubigen hat, ist sicher einer der Gründe, aber nicht der einzige. Fehlende sexuelle Reife und mangelndes Urteilsvermögen sind ein weiterer Grund. Wir müssen hier deutlich mehr bei der Ausbildung derer tun, die Priester werden wollen, und uns auch mit ihrer sexuellen Reife beschäftigen. Das ist sehr wichtig.

Dem katholischen Wochenblatt Tygodnik Powszechny zufolge vertrauen statt wie früher 90 Prozent nur noch 54 Prozent der Polen der Kirche - und die unwillige Aufarbeitung des Missbrauchs sorge für weitere Abwendung. Teilen Sie diese Ansicht?

Über Zahlen lässt sich nicht streiten. Eines ist sicher: Die Glaubwürdigkeit der Kirche hängt nicht nur von der Verkündung des Evangeliums ab, sondern auch von unserer Transparenz.

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