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Polen: Kandidat Kaczynski:Der Streithansel, der Kreide fraß

Als Premier hat Jaroslaw Kaczynski auf Konflikt und Konfrontation gesetzt, nun will er seinem toten Bruder Lech als Präsident nachfolgen - und gibt sich zahm.

Thomas Urban, Warschau

Wie kein anderer Politiker Polens polarisiert Jaroslaw Kaczynski seine Landsleute: Der 61-Jährige wird entweder als großer Staatsmann verehrt oder als notorischer Streithansel heftigst abgelehnt. Als er in den Jahren 2006 und 2007 für gerade einmal fünfzehn Monate Regierungschef war, setzte er auf Konflikt und Konfrontation, sowohl in der Innen-, als auch in der Außenpolitik. Da er aber auch einen ständigen Kampf mit seinen Koalitionspartnern führte, zerfiel seine Regierung.

Jaroslaw Kaczynski

Will die "Mission" seines verunglückten Bruders Lech vollenden: Jaroslaw Kaczynski, hier galant mit einer weiblichen Anhängerin.

(Foto: ap)

Die vorgezogenen Parlamentswahlen 2007 verlor die von ihm geführte Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS), seitdem war er Oppositionsführer. Somit blieb die weltweites Aufsehen erregende "Doppelherrschaft der Zwillinge" ein Zwischenspiel - sein Bruder Lech war ja seit 2005 Staatspräsident. Doch hatte dieser wenig Aussichten, bei den ursprünglich für diesen Herbst angesetzten Präsidentenwahlen im Amt bestätigt zu werden. Die beiden klein gewachsenen Zwillinge standen gemeinsam am Ende der Popularitätsliste polnischer Politiker.

Doch Lech Kaczynskis Tod beim Absturz der polnischen Regierungsmaschine am 10. April ließ seinen Bruder eine Welle des Mitgefühls und der Sympathie von Seiten seiner Landsleute erleben. So beschloss er, sich um dessen Nachfolge als Staatsoberhaupt zu bewerben. "Ich will die Mission meines Bruders vollenden", erklärte er.

Die Brüder hatten sich ein hehres Ziel gesetzt: die "Gesundung der Gesellschaft". Dies bedeutete für sie nicht nur Kampf gegen Korruption, sondern auch für die historische Wahrheit. Nach ihrem Geschichtsbild war Polen immer wieder Opfer der aggressiven Nachbarn sowohl im Westen wie im Osten geworden.

Sie erwarteten, dass die heutigen Regierungen in Berlin und Moskau dies anerkennen und sich vor den polnischen Opfern erst der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg, dann des kommunistischen Terrors verbeugen. Die polnischen Opfer führten sie auch gegenüber der EU in Brüssel an, um eine überproportional große Zahl von Posten in den europäischen Gremien für Polen zugesprochen zu bekommen - und stießen mit diesem Ansinnen auf Unverständnis.

Aufgewachsen in den Trümmern Warschaus

Doch forderten sie auch eine Überwindung des traditionellen Antisemitismus der polnischen Rechten. Sie förderten den katholisch-jüdischen Dialog und traten für gute Beziehungen zu Israel ein.

1949 geboren, waren die Brüder in den Trümmern Warschaus groß geworden. Die Innennstadt war nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes im Herbst 1944 von den Deutschen dem Erdboden gleichgemacht worden, während die Rote Armee tatenlos am Ostufer der Weichsel zusah. Ihre Eltern hatten damals in der polnischen Untergrundarmee gegen die Deutschen gekämpft.

Doch das erste herausragende Ereignis in ihrem Leben fand außerhalb der Politik statt: Als Zwölfjährige spielten sie zwei freche Zwillinge in dem Kinderfilm "Über die beiden, die den Mond gestohlen haben". Der Film gilt heute als Klassiker.

Doch dann holte sie der normale Alltag mit all seinen Problemen in der Planwirtschaft ein. Bereits als Gymnasiasten sahen sie die Hauptursache dafür in der erzwungenen Zugehörigkeit Polens zum von Moskau kontrollierten Ostblock. Als Jurastudenten stießen sie zur verbotenen Demokratiebewegung, die sich bald um die Gewerkschaft Solidarität scharte. Als Juristen gehörten sie zu den Rechtsberatern des Arbeiterführers und späteren Präsidenten Lech Walesa.

Im Wendejahr 1989 kam ihre erste große Stunde: Nach den ersten teilweise freien Wahlen zimmerten sie im Auftrag Walesas hinter den Kulissen eine Koalition, die der Solidarnosc den Sitz des Ministerpräsidenten einbrachte und die Kommunisten von der Macht verdrängte. Es war ein historischer Durchbruch.

Mehr als "nationalkonservativ"

Im folgenden Jahr wurden die Zwillinge Staatssekretäre im Präsidialamt unter Lech Walesa. Doch bald überwarfen sie sich mit ihrem Förderer. Sie hielten ihm vor, die Aufarbeitung des kommunistischen Regimes nur halbherzig zu betreiben. Der Bruch war irreparabel: In den vergangenen Jahren verkehrten die Zwillinge mit ihrem einstigen Idol nur über Rechtsanwälte.

Die Kaczynski-Brüder gehörten bald zu den führenden Köpfen im rechten Lager, denen zunächst weder an einem raschen EU-Beitritt, noch an einer allumfassenden Privatisierung interessiert waren. Nach ihren Vorstellungen sollte Polen wieder eine europäische Regionalmacht werden, die Betriebe sollten in polnischer Hand bleiben, Schlüsselindustrien und Finanzsektor weitgehend staatlich bleiben. Ihr außenpolitisches Programm war also isolationistisch, ihr Wirtschaftsprogramm ist in der linken Sozialdemokratie anzusiedeln. Politologen weisen schon lange darauf hin, dass das Etikett "nationalkonservativ" die Positionen der von den Zwillingen gegründeten Partei PiS nur unvollkommen wiedergibt.

Zwar hat Jaroslaw Kaczynski, der Junggeselle geblieben ist, im jetzigen Wahlkampf auf jegliche scharfen Töne verzichtet. Doch glaubt ein Großteil seiner Landsleute, dass er als Präsident wieder auf ständige Konfrontation mit den innenpolitischen Gegnern setzen würde.

© sueddeutsche.de/odg

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