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Polen:Ein Bildungsminister mit gepflegten Feindbildern

Polen Bildungsminister PiS

Seit einer knappen Woche ist er Polens Bildungsminister: Przemysław Czarnek.

(Foto: JACEK DOMINSKI/REPORTER via www.imago-images.de/imago images/Eastnews)

Przemysław Czarnek will Frauen das Studium erschweren und hält LGBT für ähnlich gefährlich wie den Nationalsozialismus. Er soll den "Kampf um die polnische Seele" in die Universitäten tragen.

Von Florian Hassel

Eigentlich sollte Przemysław Czarnek seine Mission zur moralischen Rettung junger polnischer Seelen Anfang dieses Monats beginnen. Doch nach einem positiven Corona-Test wurde Czarnek erst am 19. Oktober als neuer Bildungs- und Wissenschaftsminister vereidigt. Postwendend machten der Minister und seine Vertrauten klar, womit in Polens Schulen und Universitäten Schluss sein soll: mit linksliberalen Ansichten, mit Multikulti oder moderner Sexualerziehung.

Der neue Minister, 42 Jahre jung und habilitierter Juradozent, hat keinerlei Ausbildung oder Erfahrung in Bildungsbereich - aber dafür feste moralische Ansichten. Frauen hätten "die Funktion der Schaffung des heimischen Kaminfeuers" und die Aufgabe, viele Kinder zu gebären. Neomarxisten und Feministen versuchten polnischen Frauen zu erzählen, dass sie arbeiten und studieren und erst später Kinder bekommen könnten. Die würden dann das erste Kind, wenn überhaupt, nicht mit 20, sondern erst mit 30 gebären. "Das sind die Konsequenzen, wenn der Frau erklärt wird, dass sie nicht das tun muss, wozu sie der Herrgott bestimmt hat", klagte Czarnek in der Katholischen Universität Lublin. Zehntausende jetzt gegen das Abtreibungsverbot protestierende Polinnen tat der Minister als "linksradikale Revolutionärinnen" ab, für die es in Polen "keinen Platz geben kann".

Auch von der Aufnahme muslimischer Flüchtlinge in Europa, von Rechten Schwuler und Lesben oder Diskussionen über dunkle Kapitel der polnischen Geschichte hält Czarnek nichts, wie er regelmäßig verlautbaren lässt: Moslems wollten die "Dechristianisierung Europas" betreiben. Bürgermeistern der Region Lublin, die ihre Städte zur LGBT-freien Zone erklärten, gratulierte er ausdrücklich. Im Fernsehen TVP Info erklärte Czarnek Mitte Juni, Polen müsse sich "vor der Ideologie LGBT verteidigen und aufhören, diesen Idiotien über gewisse Menschenrechte oder Gleichheiten zuzuhören. Diese Leute sind nicht gleichrangig mit normalen Menschen".

Überdies sei LGBT dem Neomarxismus entwachsen, dieser aus der gleichen Wurzel wie der Nationalsozialismus, "der für alles Böse des Zweiten Weltkrieges verantwortlich ist, für die Vernichtung Warschaus und die Ermordung der Aufständischen". Erinnerungen an die Ermordung ukrainischer Zivilisten durch die polnische Untergrundarmee dagegen hält Czarnecki für "eine große Provokation" und für ein "Verbrechen" gegen polnische Interessen.

Mit solchen Ansichten und etlichen Medienauftritten wurde Czarnek zum Jungstar der Regierungspartei PiS und nach nicht einmal einem Jahr als Sejm-Abgeordneter nun zum Minister für Bildung und Wissenschaft. In Polens Museen räumten PiS-Chef Jarosław Kaczyński und Kulturminister Piotr Gliński schon ab Ende 2015 auf und warfen etwa den Direktor des Danziger "Museums des Zweiten Weltkrieges" hinaus, weil dieser angeblich nicht patriotisch genug vorging. Die Universitäten aber blieben bisher weitgehend unangetastet. Ein Fehler, wie die PiS zu erkennen glaubt. Fraktionschef Ryszard Terlecki erklärte kürzlich, dass Polens Junge nicht für die PiS stimmten, werde sich nach einer Reform im Bildungsbereich sicher ändern. "Wenn wir uns nicht der Erziehung annehmen, wenn wir uns nicht mit der Sphäre der Erziehung in den Universitäten beschäftigen (...) verlieren wir den Kampf um die polnische Seele", sekundierte Justizminister Zbigniew Ziobro.

Den Kampf soll nun Czarnek führen. Nötig sei, auch mithilfe neuer Gesetze, ein Abschied von der "Diktatur linksliberaler Inhalte" und von politischer Korrektheit, die Polens Schülern und Studenten schadeten, sagte der neue Minister. Stattdessen sollen junge Polen lernen, "was die Polen sind, und worauf sie stolz sein können". Als Erstes sollen "alle Lehrbücher, vor allem in Polnisch, Geschichte und Gesellschaftskunde" geprüft und notfalls polnisch-patriotisch umgeschrieben werden.

© SZ/bix

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