Plagiatsvorwurf gegen Lammert:Erste Zweifel an der Analyse kommen auf

Ein Beispiel: Lammert zitiert den Sozialwissenschaftler Roland Warren mit der sprachlichen Wendung "vertikale Integration", ohne jedoch in der Fußnote anzugeben, wo in dem mehr als 600-seitigen Werk Warrens er diesen Begriff gefunden habe. Tatsächlich findet er sich dort nirgends. Der Ursprung dieser sprachlichen Verwechslung findet sich schnell: Schon der Soziologe Peter Oel hat Warren falsch zitiert - Lammert zitiert Oel kurz darauf. Ein Fehler, der Lammert kaum passiert wäre, wenn er die Quelle selbst nachgeschlagen hätte.

Den Beleg für wörtlich abgeschriebene Passagen bleibt der anonyme Plagiatsucher allerdings schuldig. Es bleibt stets beim Kleinteiligen, Lammert hat umformuliert, neu geordnet, wie sich an der kritisierten Textstelle in der Grafik erkennen lässt. Zudem gibt es erste Zweifel an der Analyse. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Jäger spricht von einem "Witz", nachdem er einen der kritischen Punkte geprüft hat. Angeblich hat Jäger, auf den sich Lammert in seiner Arbeit bezieht, aus einem Werk zitiert, das es gar nicht gibt, was Lammert dann offenbar ungeprüft übernommen hat.

Er zitiert aus einem Sammelband "W. Gagel (Hrsg.), Zur Rolle und Funktion der Parteien" von 1967. Es existiert allerdings nur ein von Gagel mitherausgegebener Band "Politische Parteien im parlamentarischen Regierungssystem". Nach kurzer Suche treibt es Jäger in seiner Bibliothek auf. Der langjährige Rektor der Universität Freiburg fällt denn auch ein hartes Urteil: Der Plagiatsucher habe "nicht seriös gearbeitet", sagte er der Süddeutschen Zeitung. Bei genauer Literaturrecherche hätte er das Werk durchaus auftreiben können. Den Fehler nimmt Jäger auf sich. Er habe den Titel des Werkes in seinem Band falsch wiedergegeben. Aber: "Es gibt das Buch."

Die Prüfung steht bislang erst am Anfang

Auch bei dem Politikwissenschaftler Hans-Otto Mühleisen soll sich Lammert im Theorieteil bedient haben. Doch Mühleisen, emeritierter Politikprofessor an der Uni Augsburg, fühlt sich "gar nicht als Plagiatopfer", wie er sagt.

Wie viel wissenschaftliche Eigenleistung müssen Autoren erbringen, wenn sie Theorien wiedergeben? Und wie viele Nachweise müssen sie beibringen, wenn sie sich bei fremden Autoren dem Sinn nach bedienen? Unstrittig ist, dass wörtliche Übernahmen gekennzeichnet werden müssen - doch Lammert hat in der Regel umformuliert. Und Mühleisen erwähnt er durchaus - was der Politologe für ausreichend hält. Das sieht der Plagiatexperte Volker Rieble ähnlich. "Das hier ist kein offenkundiges Textplagiat", sagt der Juraprofessor. Allerdings sei Schlamperei erkennbar. Und die übernommenen Fußnoten seien ein Indiz für mögliche Plagiate.

Die Unterstützung von den vermeintlichen Plagiatopfern ist ein Punkt für Lammert, die Rettung ist es allerdings nicht. Auch im Fall Schavan hatten sich Plagiatsopfer zugunsten der Ministerin zu Wort gemeldet. Die Entscheidung, den Titel abzuerkennen, hat dies allerdings nicht verhindert. Zudem steht die Prüfung erst am Anfang. Die Universität Bochum hat bereits damit begonnen, auch die Plagiatsucher im Netz werden weitermachen. Stoff gibt es noch genug: Der anonyme Blogger hat gerade einmal ein Drittel der Dissertation durchforstet.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB