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Pisa-Studie:Mädchen sind top im Team

Deutsche Schüler schneiden im OECD-Vergleich gut ab. Bildungsdirektor Schleicher ist dennoch nicht zufrieden.

Von Susanne Klein

Nahezu überall auf der Welt erzielen Mädchen in Teams deutlich bessere Leistungen als Jungen. Das ist auch in Deutschland so, wo Schülerinnen beim Problemlösen in der Gruppe durchschnittlich 30 Pisa-Punkte mehr einsammeln als ihre Mitschüler - das entspricht einem Vorsprung von mehr als einem Schuljahr.

Trotz dieses Unterschieds ist das Niveau deutscher Schüler beim Bewältigen von Aufgaben im Team auch insgesamt hoch. Es liegt deutlich über dem Durchschnitt, zwischen dem siebten und zehnten Rang der 32 OECD-Länder. Damit erreichen 15-Jährige hierzulande ähnlich gute Ergebnisse im Team wie in Australien, Großbritannien und den USA. Dies hat die Pisa-Studie 2015 ergeben, bei der erstmals auch die soziale Problemlösungskompetenz von Neuntklässlern getestet wurde. Weltweit 125 000 Jugendliche haben an dieser Testsparte teilgenommen, gut 1900 davon in Deutschland. Die Resultate sind am Dienstag in Berlin veröffentlicht worden.

Die oberste Kompetenzstufe beim Problemlösen in der Gruppe erreichen 13 Prozent

Schon in den klassischen Pisa-Disziplinen Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen hatten deutsche Schüler überdurchschnittlich gut abgeschnitten. Beim Problemlösen im Team sind sie sogar noch erfolgreicher. Die Fähigkeit, mit zwei oder mehr Personen gemeinsam Aufgaben zu lösen, ist bei ihnen erfreulich stark ausgeprägt. Das dürfte nicht zuletzt an ihrer positiven Einstellung liegen: Mehr als 90 Prozent der Befragten arbeiten gern mit Freundinnen und Freunden zusammen, das ist im OECD-Raum der vierthöchste Wert. Dabei sind - nicht nur in Deutschland - Mädchen aufgeschlossener als Jungen. "Das Zuhören, das gemeinsame Arbeiten, das Wahrnehmen und Einnehmen von verschiedenen Perspektiven, diese Dinge sind bei ihnen deutlich stärker vertreten", sagte OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher bei einer Videopräsentation.

Getestet wurden die Neuntklässler nicht in realen Arbeitsgruppen, sondern anhand einer Art Computerspiel, bei dem sie mit virtuellen Partnern Aufgaben lösen sollten. "So haben wir sichergestellt, dass die Problemlösesituationen vernünftig standardisiert sind", erklärte Andreas Schleicher. Die Aufgaben waren mehr oder weniger anspruchsvoll, von der einfachen Informationsbeschaffung beim virtuellen Mitschüler bis zum Steuern komplexer Interaktionen zwischen mehreren Teilnehmern, wobei diverse Ansichten, Kenntnisse und Interessen berücksichtigt werden mussten. Da reines Abfragewissen durch das Internet dramatisch an Relevanz verliere, seien solche sozialen Fähigkeiten im Beruf und im Alltag mehr als andere Kompetenzen in den letzten 15 Jahren immer wichtiger geworden, sagte Schleicher. "Wir wollten sehen, inwieweit Schulen ihre Schüler darauf vorbereiten."

Die oberste Kompetenzstufe beim Problemlösen im Team erreichen 13 Prozent der deutschen Schüler, fünf Prozent mehr als im OECD-Durchschnitt. "Besonders hoch war die kognitive Herausforderung aber nicht", monierte Schleicher, der mit dieser Performance nicht zufrieden ist. Zu viele Schüler tun sich seiner Meinung nach allein schon mit der Einsicht schwer, dass sie manche Aufgaben besser in der Gruppe bewältigen können. Interessant ist in diesem Kontext ein Rückblick auf Pisa 2012: Damals war die Frage, wie gut Schüler Aufgaben allein lösen. Und dabei schnitten Mädchen in den meisten Ländern deutlich schwächer ab als Jungen, die nun bei der Gruppenarbeit ebenso klar zurückliegen.

Ein dynamischer Unterricht mit Raum für Interaktion und Schülerideen kann nach Ansicht des OECD-Bildungsdirektors die Gruppenarbeit begünstigen. Dasselbe gilt wohl für die soziale Vielfalt. Schulen mit höherem Anteil an Kindern, die besondere Förderung brauchen, stechen beim Teamwork positiv heraus. Und in einigen Ländern arbeiten 15-Jährige besonders gut zusammen, wenn viele Mitschüler aus Einwandererfamilien stammen. Hinderliche Faktoren gibt es aber auch: Wer oft vor Videospielen hockt, schneidet schlechter ab. Chatten und Posten im Internet schaden dagegen nicht.

© SZ vom 22.11.2017

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