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Piraterie in Somalia:Irrtum in der Finsternis, Erfolg an Land

Sie glaubten einen wehrlosen Frachter zu kapern - tatsächlich aber haben somalische Seeräuber im indischen Ozean versehentlich ein EU-Kriegsschiff auf Anti-Piraterie-Mission attackiert. Der Angriff ist missglückt, die Piraten wurden festgenommen. Und doch zeigt der Vorfall, dass die Europäer die Piraterie mit ihren Schiffen nicht bezwingen können.

Arne Perras

Piraten lieben die Finsternis. Sie gilt ihnen als treue Freundin, doch manchmal treibt sie die Räuber auch ins Verderben. So geschah es am 12. Januar, als ein paar somalische Banditen des Nachts zu einer Jagd aufbrachen, die sie schon bald bereuen sollten. Zwar können Piraten im Dunkeln unentdeckt in See stechen. Aber sie können nicht wirklich sehen, an wen sie sich draußen auf dem Wasser eigentlich heranpirschen. Am Donnerstagmorgen kamen die Räuber bis auf 30 Meter an ein großes Schiff heran. Und sie hielten schon ihre Leiter bereit, um an Bord zu klettern.

This handout picture released by EU NAVFOR on January 12, 2012 shows crew members of the Spanish navy ship Patino capturing a group of suspected pirates in the Indian Ocean. The Spanish navy ship Patino fought off a gun attack by pirates in the Indian Ocean then chased and captured six of the attackers while one was reported killed, Spain's defence ministry said on January 12, 2012. The support and combat vessel Patino, part of a European Union security mission, 'early this morning suffered an attack by a pirate skiff that led to the detention of six of the attackers,' it said in a statement. AFP PHOTO / EU NAVFOR HANDOUT RESTRICTED TO EDITORIAL USE - MANDATORY CREDIT 'AFP PHOTO / EU NAVFOR HANDOUT' - NO ADVERTISING - NO MARKETING CAMPAIGN - DISTRIBUTED AS A SERVICE TO CLIENTS

(Foto: AFP)

"Doch die Seeräuber haben sich geirrt", sagt Harrie Harrison von der EU-Mission Atalanta, die den Auftrag hat, somalische Piraten abzuschrecken und zu bekämpfen. Die Angreifer glaubten, sie kaperten einen wehrlosen Frachter. Tatsächlich nahmen sie es mit dem Flaggschiff des Atalanta-Verbandes auf.

Der spanische Militär-Tanker Patino mag im Dunkeln aussehen wie ein ziviles Schiff. Aber er hat Kanonen und einen Hubschrauber zur Abwehr an Bord. Wie Harrison berichtet, eröffneten die Piraten das Feuer, worauf die Verteidiger zurückschossen. Als die Spanier ihren Helikopter losschickten, versenkten die Piraten Waffen, Leiter und Fässer mit Treibstoff im Meer, um Beweise zu beseitigen. Dann gaben sie auf. Sechs Männer werden seither auf der Patino festgehalten, fünf sind verletzt. Ein Pirat ging womöglich über Bord, von ihm fehlt jede Spur.

Auch wenn sich die Piraten irrten, zeigt die Attacke, wie viel somalische Seeräuber riskieren, wenn sie nach Geiseln und Lösegeld jagen. Sieben Meter groß war ihr Boot. Die Patino ist 25-mal so lang und verfügt über eine Besatzung von 148 Mann. Sie hatte gerade erst einem UN-Hilfsschiff Geleitschutz gegeben, das Nahrung für die Hungernden nach Somalia lieferte.

Die Piraten starteten von einem Strand 40 Kilometer von Mogadischu entfernt. Die bekannten Hochburgen der Seeräuber liegen weiter nördlich, was wichtige Fragen aufwirft. Gehören die Angreifer womöglich zur radikal-islamischen al-Shabaab, die Somalias Übergangsregierung stürzen will? Oder wandern die Seeräubernester weiter nach Süden? Noch ist darüber nicht viel bekannt. Harrison lehnt es ab, sich dazu zu äußern, er sagt nur, dass 3000 Kilometer Strand ein offenes Territorium seien.

Sicher ist, dass die Europäer die Piraterie mit ihren Schiffen nicht bezwingen können. Noch immer erpressen Banditen Lösegelder. Und was sie damit machen, hat die Forscherin Anja Shortland in einer Studie für das britische Institut Chatham House analysiert. Sie wertete Satellitenbilder und Marktdaten aus und kommt zu dem Ergebnis, dass die Piraterie zu einem erstaunlichen Boom in Puntlands Hauptstadt Garowe beigetragen hat. Somalische Seeräuber nahmen allein 2009 etwa 70 Millionen Dollar ein. Das ist viermal so viel wie das Budget der autonomen Region Puntland. Und fast doppelt so viel, wie ganz Somalia mit dem Export von Vieh verdient.

Shortlands Studie stützt die These, dass die Piraten bei weitem nicht alles Geld außer Landes schaffen, sondern auch große Summen in ihrer Heimat investieren. Davon profitieren weit mehr Menschen als bislang angenommen. Der Piratenboss ist also ein Mann, der Wohlstand bringt. Die Kriegsschiffe der Europäer fürchtet der kaum, denn Handlanger, die für ihn hinausfahren und Schiffe attackieren, findet der Piratenboss immer. Selbst nach dem missglückten Angriff auf die Patino.

© SZ vom 14.01.2012/aho

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