Piratenpartei in NRW Nackt in den Landtag

Ein typischer Piratenwahlkampf: Kurz vor dem Wahltag erlebt der Landesvorsitzende in NRW einen kleinen Shitstorm. Der Spitzenkandidat dagegen bekommt viel Lob. Dabei entspricht er nicht dem Durchschnittspiraten.

Von Claudia Henzler

Wie schwer es ist, bei den kommentierungsfreudigen Mitgliedern der Piratenpartei auch unter Druck die Nerven zu behalten, das musste der Landesvorsitzende Michele Marsching, ein 33-jähriger Softwareentwickler aus Weeze, ganz kurz vor der Landtagswahl noch einmal erleben. Die 42 Listenkandidaten in Nordrhein-Westfalen hatten eine Mail-Liste angelegt, um sich über Termine und Probleme im Wahlkampf auszutauschen. Eine geschlossene Liste, die für andere nicht zugänglich war.

Michele Marsching, der Landesvorsitzende in NRW, und Nadine Krämer, Schatzmeisterin des Landesverbands, im Wahlkampf-Hauptquartier (Archivbild von April).

(Foto: Getty Images)

Wenige Tage vor der Wahl deckte ein Pirat die Existenz der Liste samt Zugangsbeschränkung auf und erinnerte an das Transparenzgebot der Partei. Ein Empörungssturm brach los, der 163 E-Mails erzeugte und bis Samstagnachmittag dauerte. Mittendrin gingen Marsching die Nerven durch, "Sag mal, geht's bei euch noch? Soll ich nackt in den Landtag ziehen", blaffte er die Diskutanten an, wofür er wenige Stunden später mit Verweis auf Stress um Entschuldigung bat.

Seinem Kollegen Joachim Paul, dem Spitzenkandidaten, wäre das wohl nicht passiert. Seine ersten Shitstorms, "damals nannte man das noch Flamewar", hat der 54-Jährige in den neunziger Jahren auf dem Netzwerk Usenet erlebt, "vom Standpunkt des Web 2.0 aus betrachtet bin ich ein alter Sack", schreibt der Biophysiker aus Neuss auf seinem Blog, den er als "Nick Haflinger" betreibt. So heißt die Hauptfigur aus dem Science-Fiction-Roman "Schockwellenreiter", ein Kultbuch der Hackerszene.

Joachim Paul ist etwas älter als die Generation der Parteigründer und arbeitet am Medienzentrum Rheinland; er schult dort Lehrer im Umgang mit Online-Medien. Promoviert hat Paul 1993 an der Universität Witten/Herdecke über das Thema "Exploration medizinischer Daten mit Hilfe von computer-simulierten neuronalen Netzen am Beispiel der Thermoregulationsdiagnostik". Seine ruhige Art kommt in der Partei gut an. Viele Piraten lobten seine Fernsehauftritte als souverän. Dabei hatte auch Joachim Paul schon ein paar Zumutungen für die Piraten parat. Kurz nach seiner Nominierung bezeichnete es als nicht praktikabel, als Abgeordneter vor jeder Entscheidung die Basis zu befragen. Und die Partei müsse darüber nachdenken, ihre Führungsleute zu bezahlen.

Neben Paul und Marsching (Platz 4) finden sich auf den ersten zehn Listenplätzen vor allem Kandidaten, die 2009 zur Partei gestoßen sind, zu einer Zeit, als in Deutschland die politische Diskussion über Netzsperren entbrannte. Ungewöhnlich ist, dass sich drei Frauen unter den ersten zehn platzieren konnten: Die Industriekauffrau und Psychologin Simone Brand aus Bochum (Platz fünf) sowie die Lehrerinnen Monika Pieper aus Bochum (Platz acht) und Birgit Rydlewski aus Dortmund (Platz neun).