Piraten vor der Bundestagswahl:Kurt vs. Erwin - es dürfte keinen geben

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"Kandidaten doof": Die peinliche Kür eines Direktkandidaten macht den Piraten in Baden-Württemberg zu schaffen. Das Protokoll der Sitzung liest sich wie Satire, ist es aber nicht.

Thorsten Denkler, Berlin

Nur mal angenommen, es stellen sich für eine Partei zwei Kandidaten für ein Direktmandat zur Bundestagswahl vor, die erkennbar ungeeignet sind. Beide haben das Parteiprogramm nicht gelesen, beide haben zu den wichtigsten Themen der Partei nichts zu sagen und können auch die Kernthemen nicht benennen. Was geschieht also, wenn sich zwei Kandidaten dieser Sorte zur Wahl stellen? Die Piraten haben darauf eine Antwort gefunden: Einer von beiden wird gewählt.

Geht der Piratenpartei die Luft aus?

Piratenpartei (Symbolbild): Probleme bei der Kandidatensuche im Bundestagswahlkreis 295.

(Foto: dpa)

Kurt und Erwin heißen die beiden Piraten-Bewerber für die Direktkandidatur im Bundestagswahlkreis 295 Zollernalb/Sigmaringen im Süden von Baden-Württemberg. Der Wahlkreis ist seit 1949 fest in CDU-Hand. Thomas Bareiß hat ihn zuletzt 2009 mit fast 50 Prozent der Erststimmen gewinnen können.

Diesen Mann wollen Kurt und Erwin also herausfordern. Am vergangenen Sonntag kommt es im Restaurant Donautal in Laiz zum Duell Kurt Kreitschmann gegen Erwin Philippzig. Dazu gehört das pirateneigene Kandidatengrillen. Eine Fragerunde, in der die Bewerber auf Herz und Nieren geprüft werden.

Was sind die wichtigsten Kernthemen der Piratenpartei, will ein Pirat wissen. Die Antworten lassen sich im Protokoll der Sitzung nachlesen:

"Kurt: 
Das meiste im sozialen Bereich, besonders im Bereich KiTas ist Handlungsbedarf erforderlich."

"Erwin: 
Ich habe mich bisher noch nicht sonderlich mit dem Programm beschäftigt."

Ähnlich erhellend die Antworten auf die Frage, was die beiden Bewerber von der Vorratsdatenspeicherung halten:

"Kurt: 
Dazu habe ich mich nicht genug informiert."

"Erwin: 
Man muss nicht alles speichern."

Und wie sieht es aus mit dem Thema Netzneutralität?

"Erwin: Ich bin nicht viel am PC und bin eigentlich immer skeptisch bei Datenaustausch."

"Kurt: 
Ich bin selten im Internet, überlege aber prinzipiell zweimal bevor ich einen Anhang öffne."

Nun gut, vielleicht hilft es, ganz von vorne anzufangen. "Welche Themen aus dem Grundsatzprogramm kannst du aufzählen?", will eine Piratin wissen.

Das Protokoll vermerkt: "Beide:
 Nichts."

Am Ende wird gewählt. Drei Stimmen werden laut Protokoll abgegeben - nur drei Piraten sind stimmberechtigt, die Handvoll anderer Gäste darf nicht wählen. Kurt Kreitschmann gewinnt mit zwei Ja-Stimmen gegen eine Nein-Stimme. Er ist jetzt Direktkandidat der Piraten im Wahlkreis 295. Die Sitzung hat eine Stunde und 14 Minuten gedauert.

Es dauert ein paar Tage, bis das Protokoll in der Twitter-Welt für Aufsehen sorgt. "Lieber Gott, bitte lass es Satire sein", schreiben die einen. Andere verspüren nach Lektüre des Protokolls das Verlangen, sich "in der Elbe zu ertränken".

"Es ist wirklich das offizielle Protokoll!"

Schriftführer an dem Nachmittag war Christoph Schönfeld. Er ist Landesschatzmeister der Piraten in Baden-Württemberg und bekommt jetzt einen Großteil der Häme ab. Erst einmal klärt er auf, dass das Protokoll keine Satire sei. "NEIN ES IST WIRKLICH DAS OFFIZIELLE PROTOKOLL", twittert er in Großbuchstaben. Verantwortung will er aber nicht übernehmen: "Ich muss mich jetzt als Schriftführer rechtfertigen, warum Kandidaten doof und Wähler gewählt (sic!). Vielen Dank, das hebt meine allgemeine Laune".

Stellung will er auch nicht mehr nehmen. Landespiratenchef Lars Pallasch erklärt gegenüber SZ.de, Schönfeld sei im Urlaub und wohl nicht zu erreichen.

Noch am heutigen Abend wollen die Landesvorstände informell zusammenkommen, um das weitere Vorgehen zu beraten. Auch wenn Pallasch auf den ersten Blick "keinen formalen Fehler" erkennen kann und eigentlich alles für "nicht so tragisch" hält. Allerdings findet er schon schwierig, dass beide Kandidaten so wenig über die Piraten gewusst hätten. Und stellt in den Raum, dass der Landesvorstand jederzeit und ohne Begründung eine Wiederholung der Kandidatenwahl anordnen könne. Das will er aber nicht als Vorfestlegung verstanden wissen.

Spannend ist auch die Frage, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Dazu müsste eigentlich Jochen Schmidberger, Vorsitzender des Bezirksverbandes Tübingen, etwas sagen können. Der Wahlkreis 295 gehört zu seinem Zuständigkeitsbereich. Auf eine schriftliche Anfrage per Mail reagiert Schmidberger zunächst via Twitter: "Scheiße! Süddeutsche will einen Rückruf."

"Ich mach' das jetzt nicht mehr"

Am Telefon erklärt er später seine Nichtzuständigkeit. Er sei schon vor einem Monat als Bezirksvorsitzender zurückgetreten. Zur Sache kann er aber beitragen, dass es in der Gegend immer schon schwierig war für die Piraten. 59 Piraten gebe es dort. Doch schon bei der Aufstellung der Kandidaten für die Landtagswahl brauchte es drei Anläufe, um überhaupt jemanden zu küren. Zweimal wurde die erforderliche Mindestzahl von drei stimmberechtigten Mitgliedern nicht erreicht. Immerhin: Das hat jetzt auf Anhieb geklappt.

Der unterlegene Erwin Philippzig hatte sich noch auf die Bewerberliste für die Landesliste gesetzt, die Mitte September auf einem Landesparteitag festgelegt werden soll. Das hat sich der selbständige Schweißer aber inzwischen anders überlegt. Zu SZ.de sagt er: "Ich mach' das jetzt nicht mehr." Auf die Frage, warum er überhaupt mit einer Kandidatur für den Bundestag geliebäugelt habe, antwortet er: "Wollte mal was anderes machen."

Jetzt will er einen Roman schreiben. Arbeitstitel: "In den Fängen der Mafia." Vielleicht hat er damit mehr Erfolg.

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