Pinochet-Putsch vor 40 Jahren Chiles Trauma des 11. September

Bilder einer wankenden Diktatur

Am 11. September 1973 putschte sich Pinochets Militärjunta in Chile an die Macht. Der Fotograf José Giribás hat den Anfang und das Ende der Diktatur dokumentiert. Die SZ zeigt nun die eindringlichen Bilder des Exil-Chilenen in einer Ausstellung. mehr...

Am 11. September 1973 putschte sich das Militär in Chile an die Macht und unterwarf das Land 17 Jahre lang einer blutigen Diktatur. Der Fotograf José Giribás hat Anfang und Ende des neokapitalistischen Experiments dokumentiert.

Von Sebastian Schoepp

Der 11. September gilt heute weltweit als Datum des großen Traumas der USA, es war der Tag, nach dem der Krieg gegen den Terror ausgerufen wurde, der das Leben in der westlichen Welt bis in die Warteschlange am Flughafen und den täglichen Facebook-Eintrag prägt. Die größte Macht der Welt erhebt seit zwölf Jahren Anspruch auf diesen Tag. Der 11. September ist seit 2001 ein durch und durch nordamerikanischer Tag. Für Chilenen ist das doppelt schmerzlich. Chile gedenkt an diesem Tag eines anderen, länger zurückliegenden, für die Nation aber nicht minder traumatischen Ereignisses als es 9/11 für die USA war.

Am 11. September 1973 stürzte in Chile die Demokratie. Kampfflugzeuge bombardierten den Präsidentenpalast, ein Militärputsch setzte der demokratisch gewählten Links-Regierung von Salvador Allende ein jähes Ende. Der Präsident kam in den Kämpfen um. Es folgten 17 Jahre Diktatur.

Der Fotograf bei der Arbeit: José Giribás (rechts) dokumentiert die Festnahme eines Regimegegners bei einer Demonstration in Santiago im Februar 1986.

(Foto: Santiago Oyarzo Perez)

Unter General Augusto Pinochet wurden Tausende Regimegegner und -gegnerinnen mit grausamer Systematik gefoltert, ermordet, oder sie verschwanden unter ungeklärten Umständen. Daran denkt Chile an jedem 11. September, daran denken vor allem die, die überlebt haben. Eine große Zahl von chilenischen Intellektuellen, Politikern, Gewerkschaftern, Dichtern und Studenten flüchtete damals vor der Verfolgung, nicht wenige von ihnen in beide Teile Deutschlands. Dazu gehörte die spätere Präsidentin Michelle Bachelet, die mit ihrer Mutter in Ostberlin Aufnahme fand, nachdem ihr Vater in den Folterkellern des Pinochet-Regimes gestorben war.

Dazu gehörte auch der Fotograf José Giribás, dessen Chile-Bilder im Foyer des SZ-Hochhauses zu sehen sind.

Putsch mit der CIA im Rücken

José Giribás, Jahrgang 1948, war am 11. September 1973 noch kein professioneller Fotograf. Er arbeitete in einer Getränkefabrik in Santiago, um Geld für seine Familie zu verdienen. Die Arbeiter waren damals stark in Chile. In der Allende-Zeit waren die Gewerkschaften manchmal fast erschrocken über ihre neu gewonnene Macht. Chile war polarisiert zwischen den Besitzenden und den Arbeitern, die zum ersten Mal wirklich maßgeblich an den Geschicken des Landes mitwirken konnten.

Giribás war in einer Gruppe aktiv, die sogar noch links von Allende stand, wie er sagt. Anders als Allende machte er sich allerdings keine Illusionen, dass es angesichts der widerstreitenden Kräfte im Land eine realistische Chance für gesellschaftliche Verständigung geben könne. Allende war naiv, sagt Giribás heute.

Zur inneren Polarisierung kam der Einfluss von außen. Die USA fürchteten, am Südende Südamerikas könne eine Art neues Kuba entstehen, die CIA war eine der treibenden Kräfte bei dem Putsch des Militärs gegen Allende. Genehme Leute an die Regierung aufrührerischer Staaten zu bringen, ist eine Konstante amerikanischer Politik, die den Kalten Krieg genauso gekennzeichnet hat wie heute den Krieg gegen den Terror.

José Giribás verschanzte sich mit einigen Genossen in der Fabrik; als die Nachricht vom Tod Allendes kam, hängten sie eine schwarze Fahne aus dem Fenster. Er sagt: "Wir hatten keine Waffen, dafür umso mehr Angst." Nach dieser Aktion war klar, dass Giribás zu denen gehörte, die allergrößte Gefahr liefen, in den Folterkellern der Diktatur zu verschwinden, so wie es einem Kollegen widerfuhr.