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Philosophie-Professor William Kristol:Risikofreudiges Hirn rechter US-Politiker

Viele Republikaner halten den neokonservativen Kommentator William Kristol für eine Nervensäge, seine Meinung aber nehmen sie ernst. Von der amerikanischen Rechten fordert er seit Jahren, angriffslustiger und konsequenter zu sein. Für den republikanischen Vize-Kandidaten Paul Ryan hat er schon geworben, als noch niemand mit ihm rechnete.

Nicolas Richter, Washington

Nein, immer diese Verzagtheit: Gerade wurde Paul Ryan zum Kandidaten der Republikaner für die Vizepräsidentschaft bestimmt, da grübeln sie in der Partei schon wieder, ob das nicht doch zu kühn war. Schließlich sind seine Sparpläne beim Volk arg unbeliebt.

Bevor die Stimmung noch ins Depressive kippt, hat sich jetzt William Kristol gemeldet und ist gleich grundsätzlich geworden. Kristol meldet sich nie zu Wort, ohne grundsätzlich zu werden. Schluss mit dem Gejammer, forderte er. Wann immer die Republikaner aufs Ganze gingen, weine sich die halbe Partei darüber aus, wie gefährlich das sei. Jetzt müsse man die Nerven behalten, und im Herbst würden Mitt Romney und Paul Ryan bestimmt das Weiße Haus erobern.

Viele Republikaner halten den neokonservativen Philosophie-Professor und Kommentator William Kristol für eine Nervensäge, seine Meinung aber nehmen sie wahr, oft sogar ernst. In seiner Wochenzeitung The Weekly Standard, lange Zeit von Medienmogul Rupert Murdoch finanziert, und im rechten Sender Fox News verlangt Kristol von der amerikanischen Rechten seit Jahren, härter, konsequenter, risikofreudiger zu sein.

Er geht dabei selbst kein Risiko ein, weil er keine Wahlen zu verlieren hat. Doch immerhin ist Kristol ein Mensch mit tiefen Überzeugungen, die sich unter anderem gegen Schwule richten. Die rechtspopulistische Tea Party mag er insgesamt zu dumpf finden; ihre Energie, Angriffslust und Kompromisslosigkeit aber lebt er schon lange vor.

Für den neoliberalen Vize-Kandidaten Paul Ryan hat er schon geworben, als niemand mit ihm rechnete; einst auch für Sarah Palin, die vor vier Jahren Vize-Kandidatin wurde und sich als grandiose Fehlbesetzung erwies. Kristol, 59, kam in New York als Kind einer jüdischen Familie zur Welt, sein Vater Irving gehörte in den Sechzigerjahren zu den ersten Neokonservativen: Linke, die von der Linken enttäuscht sind, werden daraufhin rechter als die Rechten. William hat diese Überzeugungen seines Vaters nicht nur übernommen, sondern ihnen auch mehr Einfluss verschafft denn je.

Er wurde Stabschef hochrangiger rechter Politiker, als deren Hirn er galt und deren Zaudern ihn enttäuschte. In den Neunzigerjahren gründete er die außenpolitische Denkfabrik "Project for the New American Century", dort träumte man von einem starken, interventionsfreudigen Amerika. Nach dem 11. September 2001 setzten die Vertrauten Kristols in der Regierung George W. Bushs diese Pläne um. Dazu gehörte der Irak-Krieg, den Kristol, ein Verfechter des Präventivangriffs, längst ersonnen hatte. Kristol hält den Irak-Krieg bis heute für einen Erfolg, obwohl er Hunderttausende Menschenleben gefordert hat.

Aber es ist Zeit für die nächsten Beweise amerikanischer Größe; Kristol ruht auch dann nicht, wenn im Weißen Haus niemand auf ihn hört. Gerade hat er wieder mal den "gefährlichsten Mann der Welt" ausgerufen: Ali Chamenei, den Führer Irans.

© SZ vom 01.09.2012/mane
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