Philosoph Michael Schmidt-Salomon:"Rechtspopulistische Parteien verschärfen die soziale Ungleichheit"

Bei vielen AfD-Anhängern mangelt es offenbar an Toleranz gegenüber Fremden, anderen Religionen oder Homosexuellen. Und bei manchen ihrer Kritiker fehlt die Toleranz gegenüber der anderen Meinung?

Ich bin überzeugt, dass das zentrale Problem, mit dem wir heute zu kämpfen haben, gar nicht in einem Mangel an Toleranz besteht, sondern in einem Übermaß an Ignoranz. Es ist eines der Grundübel unserer Zeit, dass ein Großteil der Menschen entweder nicht willens oder nicht fähig ist, zwischen Humanem und Inhumanem, Recht und Unrecht, Wahrheit und Propaganda, Vernünftigem und Widersinnigem zu unterscheiden.

Genährt wird dies durch die postmoderne Unterstellung, dass es gar keine Wahrheiten gäbe, über die man sich intersubjektiv verständigen könnte, sondern nur subjektive Meinungen, die man irgendwie tolerieren müsse. Dabei ist es zwar richtig, dass wir in einer offenen Gesellschaft in der Lage sein sollten, viele unterschiedliche Meinungen zu tolerieren. Das heißt jedoch nicht, dass diese Meinungen unter dem Maßstab der Vernunft gleichermaßen zu akzeptieren wären. Und es gibt eine Reihe von Kriterien, mit denen sich rationale Argumente von irrationalen unterscheiden lassen.

Was sind das für Kriterien?

Etwa die interne Widerspruchsfreiheit. Aussagen müssen logisch schlüssig sein. Externe Widerspruchsfreiheit dagegen bedeutet, dass Aussagen einer bekannten, überprüfbaren Faktenlage entsprechen müssen. Außerdem sollte unsere Argumentation nicht willkürlich, also nach subjektivem Belieben, erfolgen. Sie sollte vielmehr rational und unparteilich sein: Die Güte eines Arguments muss unabhängig davon beurteilt werden, wer es äußert. Rational denkende Menschen schert es daher nicht, wenn sie "Beifall von der falschen Seite" bekommen, wie es etwa Islamkritikern mit der AfD gegangen ist.

Michael Schmidt-Salomon

Der Philosoph und Publizist Michael Schmidt-Salomon

(Foto: Andreas Schuett, Hamburg)

Dieser "falschen Seite" und manchen Beobachtern muss vielleicht noch deutlicher gemacht werden, dass die Islamkritik kein Pauschalurteil gegenüber Muslimen ist oder stützt. Das scheint nicht immer zu gelingen.

Richtig. Rationales, evidenzbasiertes Denken verlangt natürlich auch eine gewisse Übung. Würde es schon in der Schule gelehrt und später systematisch trainiert, sähe die Debattenkultur in Deutschland deutlich anders aus.

Sie sagten zu Anfang, die Ursache der gegenwärtigen Entwicklung sei auch die soziale Ungleichheit. Anhänger der AfD, von Trump oder dem Front National sagen allerdings häufig, es gehe um kulturelle, religiöse und nationale Identität. Und die Rechtspopulisten sind ja nicht angetreten, um das Geld der Reichen an die Armen zu verteilen.

Viele Menschen haben den Eindruck, dass ihnen der gesellschaftliche Aufstieg verbaut ist. Leider sind die sozialen Verhältnisse ja auch tatsächlich so erstarrt, dass die Eliten kaum etwas tun müssen, um ihren Status zu erhalten, während die Marginalisierten kaum etwas tun können, um ihren Status zu verbessern.

Das fördert bei den Verlierern des gesellschaftlichen Spiels Aggressionen, die sich aber nicht notwendigerweise gegen "die Eliten" richten müssen, sondern auch auf andere "Verlierergruppen" umgelenkt werden können, etwa auf "die Flüchtlinge". Hiervon profitieren rechtspopulistische Parteien wie die AfD oder der Front National ungemein. Und dagegen hilft nur gezielte Aufklärung.

Viele Medien nehmen es für sich in Anspruch, das zu tun - und werden als Lügenpresse beschimpft.

Es muss noch sehr viel deutlicher als bisher aufgezeigt werden, dass rechtspopulistische Parteien soziale Ungleichheit nicht aufheben, sondern verschärfen. Zudem sollte den Menschen klargemacht werden, wie gefährlich und unsinnig es ist, Individuen über ihre Zugehörigkeit zu irgendeiner Gruppe zu definieren - sei es über eine Kultur, Religion oder Nation. In diesem Zusammenhang würde es sicherlich nicht schaden, wenn ein Bewusstsein dafür geschafft würde, dass zwischen Islamisten und Rechtspopulisten sehr viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede bestehen. Beide Gruppen wollen nämlich das Rad der Geschichte zurückdrehen und vormoderne Dogmen an die Stelle individueller Freiheitsrechte setzen. Was man rechten AfD-Christen wie Beatrix von Storch gegenüber Islamisten wie Erdoğan dabei zugutehalten kann, ist, dass sie uns nur in die 1950er Jahre zurückmanövrieren wollen - statt ins Osmanische Reich vor 1924.

Selbst Fakten haben für manche Menschen offenbar keine Überzeugungskraft mehr - Stichwort "postfaktisch". Was lässt sich tun, damit sich das ändert?

Die Bildungssysteme müssen unbedingt verbessert werden, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Kontrafaktische Argumentationen à la Trump und Erdoğan funktionieren ja nur, weil ihren Wählerinnen und Wählern das erforderliche Faktenwissen fehlt. Leider muss man aber feststellen, dass die Bildungssysteme weltweit darin versagen, ihren Schülerinnen und Schülern das existenziell bedeutsame Wissen zu vermitteln, das notwendig wäre, um althergebrachte politische, weltanschauliche oder religiöse Weltbilder infrage zu stellen.

Zumindest im Westen lernen die Schülerinnen und Schüler aber doch viel über Religionen - nicht nur ihre eigene - und politische Systeme und ihre Geschichte.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Omar Mateen, der Attentäter von Orlando, der im Juni 49 Lesben und Schwule erschossen hat. Offenkundig hat er in seiner Schulzeit niemals erfahren, dass Homosexualität im gesamten Tierreich verbreitet ist, also biologisch bedingt und somit "natürlich" ist. Dass gerade der islamisch-arabische Kulturraum eine enorme Fülle an homoerotischer Literatur hervorgebracht hat. Dass Homophobie unter Muslimen erst ab dem 19. Jahrhundert durch die Konfrontation mit christlichen Sittenwächtern entstanden ist. Und dass es bis 1979 kein einziges Todesurteil gegen Schwule in der islamischen Welt gegeben hat.

Hätte Mateen all dies schon in der Schule erfahren, hätte er sich vielleicht zu seiner eigenen Homo- bzw. Bisexualität bekennen können, statt sich und 49 anderen Menschen im Zuge einer hochgradig psychopathologischen Märtyrertat das Leben zu nehmen.

© SZ.de/segi
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