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Pflegekräfte:Solidarität auch nach der Krise

Applaus tut gut, hilft aber den Pflegerinnen und Pflegern auf Dauer nicht. Sie brauchen unsere Unterstützung - noch viel mehr, wenn das Coronavirus eingedämmt ist.

Von Edeltraud Rattenhuber

Wenn es Helden gibt in dieser Krise, dann sind es die Pflegekräfte. Die Politik hat das erkannt und ihnen applaudiert. Auch die Bürger, die auf Balkonen und an Fenstern stehen und Beifall klatschen, wissen, welchen Dank sie den Menschen in den Krankenhäusern und Pflegeheimen schulden. Viele Pflegekräfte, die meisten sind Frauen, gingen schon vor der Corona-Krise an ihre Grenzen. Übernahmen Doppelschichten, weil die Stationen unterbesetzt sind. Hetzten durch die Gänge. Spendeten Trost und gaben Hoffnung, obwohl sie selbst gar nicht wussten, wo ihnen der Kopf steht. Stress und Rückenschmerzen begleiten sie - bis zum Burn-out. Viele Pflegekräfte werden nach Jahren im Beruf selbst zum Pflegefall. Sie ruinieren ihre Gesundheit für die Menschen. Und nun auch noch eine Pandemie mit unabsehbaren Folgen.

Sicher ist nur: Abgesehen von den Ärzten wird kein Berufsstand in der Corona-Krise so gefordert wie die Pflegekräfte. Und sie stellen sich dieser Verantwortung mit dem gleichen Pflichtgefühl, mit dem sie sonst auch ihrem Beruf nachgehen. Für die Menschen. Dass sie von diesen für ihren Einsatz gefeiert werden, freut sie natürlich. Doch was können sie sich davon kaufen, wenn die Krise wieder abflaut? Jetzt sollen sie 1500 Euro Bonus bekommen, steuer- und abgabefrei. Hört sich erst mal gut an. Pflegekräfte verdienen in Deutschland durchschnittlich nur etwa 2500 Euro. Da erscheinen 1500 Euro oder sogar noch mehr als ordentliches Zubrot.

Doch nicht wenige von ihnen empfinden den Bonus geradezu als Schlag ins Gesicht. Aha, eine milde Gabe, spotten sie in ihren sozialen Netzwerken. Gefahrenzulage! Oder: ein Brocken, den man ihnen jetzt nur hinwerfe, damit sie weiterarbeiten, motiviert sind und nicht nachlassen.

Zusätzliche Motivation ist bitter nötig. Denn zugleich wurden sie düpiert: Die Personaluntergrenzen wurden ausgesetzt, die Arbeitszeit ausgeweitet, man hat ihnen bedeutet, dass sie selbstverständlich auch arbeiten müssen, wenn sie mit Covid-19 infiziert sind, aber keine Symptome haben. Nüchtern gesehen werden mit den 1500 Euro gerade mal die Überstunden abbezahlt, die geleistet werden mussten und müssen, damit das System nicht kollabiert. Die Pflegerinnen und Pfleger sollen durchhalten. Ganz einfach.

Dabei lässt die Politik sie schmählich im Stich. Der Mangel an Schutzausrüstung ist ein schweres Versäumnis, er gefährdet nicht nur das Leben von Heimbewohnern. Dass Pflegekräfte nicht streiken, aus Gesundheitsgründen, ist nur ihrem Selbstverständnis zu verdanken. Zuerst kommen für die meisten von ihnen immer die anderen. Und gerade das macht es ihnen auch so schwer, für ihre eigene Sache zu kämpfen.

Alle, die jetzt an den Fenstern stehen und mitklatschen, sollten nach dem Ende der Krise solidarisch sein mit den Pflegekräften und sie in ihrem immerwährenden Kampf um höhere Gehälter und bessere Arbeitsbedingungen tatkräftig unterstützen, an Demonstrationen teilnehmen und Lobbyarbeit für sie betreiben. Gewinnmaximierung darf nicht weiter das Denken in Kliniken und Heimen bestimmen. Mehr und besser bezahltes Personal dort nutzt jedem. Dass die Pflegerinnen und Pfleger für alle unschätzbar viel wert sind - dieses Bewusstsein muss die Gesellschaft unbedingt über die Krise retten. Sonst ist uns nicht zu helfen.

© SZ vom 09.04.2020
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