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Pflege:Hilferuf für die Schwächsten

Misshandlungsvorwürfe in einem Pflegeheim in Celle

Das Pflegeheim in Celle beschäftigt Justiz und Politik.

(Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa)

Ein Meldesystem soll Pflegeskandale wie in Celle künftig verhindern.

Von Rainer Stadler

Drei Tage nach Bekanntwerden der groben Misshandlungen in einem Pflegeheim im niedersächsischen Celle zeichnen sich erste Konsequenzen ab. Aus der Einrichtung waren Bilder an die Öffentlichkeit gelangt, die unter anderem einen Bewohner zeigen, der mit einer Decke fixiert im Bett liegt und sich kaum bewegen kann. Der Schriftverkehr zweier Pflegekräfte legt nahe, dass Bewohner des Heims die ganze Nacht in dieser Position gehalten wurden. So sollte verhindert werden, dass ihre Windeleinlagen verrutschen.

Um solche Fälle künftig zu verhindern, kündigte Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann (SPD) nun ein "Whistleblowing-System für die Pflege" an. Beschäftigte in Heimen, Pflegebedürftige und ihre Angehörigen sollten "Missstände oder Anhaltspunkte für Gefährdungen an eine Beschwerdestelle melden können, bei Bedarf auch anonym". Eine solche Stelle forderte auch Nadya Klarmann, die Präsidentin der Pflegekammer Niedersachsen, die sich um die Belange der Beschäftigten der Branche kümmert. In einem Interview mit dem NDR sagte sie, in dem Heim in Celle hätten zu viele weggeschaut: Pflegekräfte, Einrichtungs- und Pflegedienstleitung - mit Ausnahme einer Pflegekraft, die ihrem Gewissen gefolgt sei. Experten beklagen das Phänomen seit Langem: Nur wenige Beschäftigte wagen es, Pflegefehler oder Missstände öffentlich zu machen oder bei der Polizei anzuzeigen. Viele fürchten Repressalien des Arbeitgebers oder Mobbing durch Kolleginnen und Kollegen.

Eine Pflegerin monierte die Missstände in dem Heim in Celle - und wurde entlassen

Fraglich ist allerdings, ob das Beispiel der Whistleblowerin von Celle zur Nachahmung anregt: Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung handelt es sich um eine Mitarbeiterin der Firma Akut, einem Personaldienstleister, der wiederholt und zeitlich befristet Arbeitskräfte in das Heim entsandte. Diese Mitarbeiterin, sagen Insider, die mit dem Fall vertraut sind, habe sich in einem WhatsApp-Chat mit einer Akut-Kollegin unterhalten, die in dem Heim arbeitete. Sie sei so bestürzt über die Schilderungen dieser Kollegin und die Bilder von den Misshandlungen gewesen, dass sie sich an ihre Vorgesetzten bei der Firma Akut wandte. Dort habe man sie abgewiesen und den Bildern keine Beachtung geschenkt. Vielmehr sei sie ermahnt worden, der Fall solle keine großen Wellen schlagen. Daraufhin habe sie sich vergangene Woche an die Pflegekammer gewandt. Wenige Tage später, kurz bevor die Vorfälle öffentlich bekannt wurden, erhielt sie die fristlose Kündigung.

Nico Hoppe, Bezirksleiter der Firma Akut, bestreitet diese Darstellung. Zu den Vorgängen in dem Heim könne er sich aus Datenschutzgründen nicht äußern. Generell sei für solche Fälle die Heimaufsicht zuständig. "Sollten wir als Firma Akut von unseren Mitarbeitern über mögliche Missstände in Einrichtungen informiert werden, sehen wir uns in jedem Fall verpflichtet diesen nachzugehen und diese dann auch weiterzugeben." Die Kündigung der Mitarbeiterin begründet er mit Differenzen, die schon vor den Vorfällen in dem Heim in Celle bestanden hätten.

Markus Mai, Präsident der Pflegekammer Rheinland-Pfalz, findet die Entlassung der Pflegekraft "unsäglich". Aus seiner Sicht hätte sie einen Orden verdient. "Wir brauchen solche couragierten Menschen, wenn wir nicht wollen, dass sich Vorfälle wie in Celle wiederholen." Der Gesetzgeber müsse Whistleblower besser schützen, etwa durch deutlich höhere Abfindungen bei einer Kündigung. "Das muss den Arbeitgebern richtig weh tun." Für Mai steht außer Zweifel, dass die entlassene Pflegekraft mit ihrem Hilferuf bei der Kammer, der nicht zuletzt Ermittlungen der Staatsanwaltschaft auslöste, im Sinne der Branche handelte. Er wünsche sich, dass alle Beschäftigten so wie sie "für die Pflege eintreten und für die alten Menschen in den Heimen, die doch auf unseren Schutz angewiesen sind".

© SZ vom 02.07.2020

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