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Pflege:Hilfe den Helfern

Wer als Pflegekraft Missstände im Heim anzeigt, braucht mehr Unterstützung. Man kann den Mitarbeitern aber nicht die alleinige Verantwortung zuschieben. Für gute Pflege muss auch die Politik einstehen.

Von Rainer Stadler

Vor vier Wochen wurde bekannt, dass in einem Pflegeheim in Celle Bewohner gefesselt im Bett in ihren Ausscheidungen lagen. Hilflose Menschen waren allem Anschein nach nächtelang ihrer Freiheit und Würde beraubt. Eine Menschenrechtsverletzung. Ob sie in Jahresberichten von Amnesty International oder Human Rights Watch auftauchen wird? Fürs Erste bleibt es bei den üblichen Reaktionen: Die Heimleitung reagierte betroffen, Politiker forderten Aufklärung, Funktionäre mahnten, nicht vom Einzelfall auf die ganze Branche zu schließen. Die überwältigende Mehrheit der Beschäftigten leiste hervorragende Arbeit.

Aber wer weiß schon, wie es wirklich zugeht in allen der gut 14 000 stationären Pflegeeinrichtungen in Deutschland? Am ehesten wissen das die Pflegekräfte selbst, und deswegen erschien es sinnvoll, dass Niedersachsen als Reaktion auf die Misshandlungen in Celle ankündigte, eine Anlaufstelle für Whistleblower einzurichten. Schließlich können die Pflegenden vor Ort am ehesten ermessen - und bezeugen - wenn etwas im Heim aus dem Ruder läuft. Sie sind laut ihrem eigenen Berufskodex verpflichtet, Pflegebedürftige zu schützen, "wenn deren Wohl durch Pflegende gefährdet ist". Rechtlich wird von ihnen erwartet, Überlastungen anzuzeigen, die eine ordnungsgemäße Pflege gefährden oder unmöglich machen. Es braucht also in erster Linie mündige Pflegekräfte, um Vorfälle wie Celle künftig zu verhindern, sagen die Experten.

Klingt plausibel, und doch ist es etwas wohlfeil. Ausgerechnet die Beschäftigten sollen richten, woran die Branche krankt? Niemand käme auf die Idee, Ähnliches für die Autoindustrie oder das Gaststättengewerbe zu fordern. Im stressigen Heimalltag sind kritische Beschäftigte gerade nicht geschätzt. Wer Überlastung anzeigt, handelt sich bei den Vorgesetzten schnell den Vorwurf ein, den Anforderungen nicht gewachsen zu sein. Wer Mängel in der Pflege moniert, gilt als Nestbeschmutzer und muss eher mit Mobbing von Kollegen rechnen als mit Lob der Heimleitung. Und wer Missstände außerhalb des Heims bekannt macht, weil die Chefs auf Beschwerden nicht reagieren - ja, dem geht es womöglich wie jener Pflegekraft aus Celle, die die unhaltbaren Zustände in besagtem Heim bei der Pflegekammer meldete: Sie wurde fristlos entlassen und streitet nun vor dem Arbeitsgericht, ohne jede Unterstützung. Denn bis heute gibt es in der zersplitterten Pflegelandschaft keinen starken Berufsverband, der in der Lage wäre, Whistleblower zu schützen.

Der Beruf bringt noch mehr Zumutungen mit sich: Arbeitgeber, die vorsätzlich am Personal sparen, um den eigenen Profit zu steigern. Berufsschulen, die hinter vorgehaltener Hand eingestehen, dass ein beträchtlicher Teil der Auszubildenden im Grunde ungeeignet ist, ohne daraus Konsequenzen zu ziehen. Politiker, die zur Schließung der Personallücke als Sofortmaßnahme vorschlagen, Langzeitarbeitslose oder Flüchtlinge in die Pflegeheime zu schicken. Und im nächsten Satz beteuern, wie sehr ihnen daran gelegen sei, den Pflegeberuf aufzuwerten.

Pflege ist eine anspruchsvolle Tätigkeit. Von den Beschäftigten wird Fachwissen verlangt, Empathie und Belastbarkeit. Vielleicht kann man von ihnen auch mehr Zivilcourage verlangen. Das heißt aber, dass Pflegerinnen und Pfleger, die all diese Erwartungen erfüllen, ein Arbeitsumfeld vorfinden müssen, in dem sie diesen so wichtigen Beruf auch ausüben wollen.

© SZ vom 29.07.2020

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