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Pflege:Das Ende der Bestnoten

Der neue Pflege-TÜV soll die Qualität von Heimen differenzierter bewerten.

Ein Pflegeheim hat gravierende Mängel in der Schmerztherapie und bekommt dennoch die Gesamtnote eins, weil der gute Speiseplan die schlechte Schmerzbehandlung ausgleicht. Solche Szenarien waren mit dem Pflege-TÜV noch gängige Praxis. Mit dem neuen Qualitäts- und Prüfsystem, das am Dienstag vom Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) in Berlin vorgestellt wurde, soll sich das nun ändern. Im Vordergrund soll künftig die Frage stehen, wie gut es einem Heim gelingt, auf die Bedürfnisse seiner Bewohner einzugehen. Und Pflegebedürftige und ihre Angehörigen sollen besser erkennen können, welche Qualität ein Pflegeheim hat.

Mit der Vorstellung am Dienstag trat das neue System in Kraft - es soll das alte nun schrittweise ersetzen. Darüber, dass eine Änderung überfällig ist, waren sich Sozialverbände und Pflegekassen bereits lange Zeit einig. Die externen Prüfer bewerteten die Einrichtungen bisher mit Blick auf verschiedene Kriterien, die alle gleich gewichtet wurden; der Speiseplan zählte folglich genauso viel wie die Medikamentenvergabe. Die Noten der Pflegeheime fielen in den allermeisten Fällen "sehr gut" aus.

Die erhobenen Daten werden in den Online-Portalen der Pflegekassen veröffentlicht

Das neue System soll deutlich differenzierter sein. "Die Verbraucherinnen und Verbraucher bekommen künftig eine Fülle von Informationen über die Versorgungsqualität und die Ausstattung der Einrichtungen", sagte Monika Kücking, die Leiterin der Abteilung Gesundheit beim GKV Spitzenverband, bei der Vorstellung. Eine von drei Säulen in der Bewertung sind ihr zufolge die Überprüfungen von externen Gutachtern des Medizinischen Diensts der Krankenkassen (MDK). Sie besuchen jede Einrichtung einmal im Jahr. Pro Heim greifen sie neun Bewohner stichprobenartig heraus. Sie führen mit ihnen persönliche Gespräche und beurteilen deren Pflegezustand. Mit dem Pflegepersonal führen sie zudem ein Fachgespräch, bei dem sie bei Bedarf Verbesserungshinweise geben. "Wir prüfen nicht mehr einzelne Kriterien, sondern bewerten die Qualität der Versorgung anhand von Leitfragen", sagte Peter Pick, der Geschäftsführer des Medizinischen Diensts des Spitzenverbandes der Krankenkassen.

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Mensch im Mittelpunkt: Der neue Pflege-TÜV soll besser auf den Gesundheitszustand von Heimbewohnern eingehen.

(Foto: Felix Kästle/dpa)

Hinzu kommen die internen Qualitätsprüfungen der Pflegeeinrichtungen. Sie müssen fortan halbjährlich interne Qualitätsdaten bei ihren Bewohnern erheben, beispielsweise wie mobil und selbständig sie sind, und an eine unabhängige Stelle zur Auswertung weiterleiten. Drittens liefern die Einrichtungen Infos über ihre Ausstattung oder Möglichkeiten der Alltagsgestaltung. Veröffentlicht werden die Daten später in den Online-Portalen der Pflegekassen. Erste Ergebnisse sollen Mitte 2020 erscheinen; bis Ende 2020 soll für jedes der 13 000 Pflegeheime in Deutschland eine Bewertung vorliegen.

Aus der Politik kamen am Dienstag überwiegend positive Reaktionen auf den Systemwechsel. "Das neue Modell ist ein deutlicher Fortschritt gegenüber dem vorherigen, weil es den Blickwinkel auf die Situation in den Heimen verändert. Es stehen jetzt die Versorgungsqualität und die gesundheitliche Situation der zu Pflegenden im Mittelpunkt", sagte etwa Heike Baehrens, die Pflegebeauftragte der SPD im Bundestag. Auch Kordula Schulz-Asche, die Grünen-Sprecherin für Pflegepolitik im Bundestag, begrüßte die Entscheidung. "Wir halten es für richtig, dass jetzt der Pflegebedürftigkeitsbegriff als Grundlage für die Bewertung genommen wird, und dass man nicht mehr die Qualität der Dokumentation prüft, sondern die Qualität der Pflege."

Alter Pflege-TÜV

Bisher erhielten Heime bundesweit im Schnitt die Schulnote 1,2 - trotz vieler Mängel.

Der Sozialverband VdK, der das neue System mit ausgearbeitet hat, zeigte sich ebenso zufrieden. Ines Verspohl, Abteilungsleiterin "Sozialpolitik", bezeichnete die Umstellung als "großen und wichtigen Schritt". Allerdings müsse das System fortentwickelt werden, insbesondere was die Einbeziehung der Lebensqualität der Pflegebedürftigen angehe. Außerdem sollten Meinungen von Ärzten und Angehörigen in die Bewertungen miteinfließen. Kritik kam indes auf, weil das neue System keine rasche Beurteilung liefere. Die Bewertungen der Heime werden laut Monika Kücking "zweistellige Seitenzahlen" haben. Die pflegepolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Nicole Westig, die einen Wechsel generell begrüßt, forderte: "Die neuen Qualitätsberichte sind sehr umfangreich und komplex. Wir brauchen einfachere und kompaktere Darstellungen."

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