Süddeutsche Zeitung

Pew-Studie:EU-Bürger immer unzufriedener mit der EU

  • Nicht nur die Briten sehen die Europäische Union zunehmend negativ. In vielen EU-Staaten erfährt die Union einer aktuellen Studie zufolge einen deutlichen Vertrauensverlust.
  • Vor allem der Umgang der EU mit der Flüchtlingsthematik und der Wirtschaftskrise sorgten für den Ansehensverlust.

Kurz vor dem Brexit-Referendum im Vereinigten Königreich dokumentiert eine internationale Umfrage eine zunehmend EU-kritische Stimmung auch in anderen europäischen Staaten. "Die Briten sind nicht die einzigen, die an der Europäischen Union zweifeln", sagte Bruce Stokes vom in Washington ansässigen Pew Research Center, das die Erhebung durchführte. "Die EU erfährt einen deutlichen Ansehensverlust in einer Reihe seiner größten Mitgliedsstaaten."

Das gilt auch für Deutschland: Nur noch 50 Prozent der befragten Deutschen haben der Studie zufolge eine positive Meinung von der EU. Das sind acht Prozentpunkte weniger als noch im Vorjahr. In Frankreich sank die Zustimmung zur EU binnen Jahresfrist sogar um 17 Punkte auf 38 Prozent. Nur im krisengeplagten Griechenland lag der Zustimmungswert mit 27 Prozent noch niedriger.

Höheres Ansehen genießt die Union bei den neuen Mitgliedern in Osteuropa: In Polen äußerten 72 Prozent eine positive Meinung, in Ungarn 61 Prozent. In Großbritannien, wo die Bürger Ende Juni über einen Verbleib in der EU abstimmen, äußerten sich in der Pew-Befragung 48 Prozent negativ über die Union und 44 Prozent positiv.

42 Prozent aller Befragten äußerten die Ansicht, dass einige Kompetenzen an die nationalen Regierungen zurückübertragen werden sollten. Nur 19 Prozent sprachen sich hingegen dafür aus, die Zentralmacht in Brüssel weiter zu stärken.

Gründe für den Vertrauensverlust

Für den Ansehensverlust sind der Studie zufolge vor allem zwei Faktoren ausschlaggebend:

  • Flüchtlingskrise. Ein großer Teil der Unzufriedenheit mit der EU kann der Studie zufolge auf Brüssels Vorgehen in der Flüchtlingsfrage zurückgeführt werden. "In jedem in der Studie berücksichtigten Land missbilligt eine überwältigende Mehrheit die Art, wie Brüssel mit dem Problem umgegangen ist", sagte Pew-Forscher Stokes. 67 Prozent der befragten Deutschen zeigten sich hier unzufrieden. In anderen Ländern waren es noch deutlich mehr: 77 Prozent der Italiener und 88 Prozent der Schweden beanstandeten den Umgang der EU damit. In Griechenland, das zuletzt am meisten durch den Flüchtlingsandrang beansprucht wurde, zeigen sich sogar 94 Prozent der Befragten unzufrieden. Den geringsten Unmut äußerten die Niederländer mit immerhin noch 63 Prozent der Befragten.
  • Wirtschafts- und Währungskrise. Gerade in südlichen Ländern ist die Unzufriedenheit über das Management der EU in diesem Bereich groß. 65 Prozent der Spanier, 68 Prozent der Italiener und 92 Prozent der befragten Griechen zeigten sich unzufrieden mit der EU-Wirtschaftspolitik. Auch zwei Drittel der Franzosen (66 Prozent) äußerten ihr Missfallen, aber nur 38 Prozent der Deutschen.

Für die Studie befragte das Institut mehr als 10 000 Menschen in zehn EU-Staaten: Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien, Griechenland, Deutschland, Polen, Ungarn, Schweden und Niederlande. Allen Ländern gemein war, dass sich jüngere und eher linksorientierte Befragte tendenziell positiver über die EU äußerten als ältere und rechtsorientierte.

Haltung zum potenziellen Brexit

Sollten die Briten Ende Juni tatsächlich dafür stimmen, dass ihr Land die EU verlässt, rechnet in allen Staaten eine Mehrheit der Befragten damit, dass das für Europa schlecht wäre. Vor allem die Schweden halten einen solchen Schritt für bedenklich (89 Prozent), in Deutschland sind das 74 Prozent. Am wenigsten Bedenken äußern die Italiener (57 Prozent).

Von den befragten Franzosen denken 62 Prozent, dass der Brexit schlecht für die EU wäre. Auf der anderen Seite sind aber auch 32 Prozent der Ansicht, dass dies gut für die EU sein könnte.

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