Wahlen in Peru:Zehntelpunkte, die über den Sieg entscheiden

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Wahlen in Peru: Szene von der Wahl am Sonntag in der Stadt Tacabamba im Nordosten des Landes.

Szene von der Wahl am Sonntag in der Stadt Tacabamba im Nordosten des Landes.

(Foto: ERNESTO BENAVIDES/AFP)

Bei der Präsidentschaftsstichwahl liegen beide Kandidaten fast gleichauf. Das knappe Rennen verschärft die ohnehin schon angespannte Lage im Land.

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

In Peru ist die Auszählung der Stimmen der Präsidentschaftsstichwahl zu einem Krimi geworden. Am Sonntag hatten die Bürger in Südamerikas drittgrößtem Land über ein neues Staatsoberhaupt abgestimmt. Am Montagmittag Ortszeit trennten beide Bewerber nach Auszählung von knapp 95 Prozent der Stimmen nur ein paar Punkte hinter dem Komma: Keiko Fujimori von der Partei Fuerza Popular kam auf 49,9 Prozent der Stimmen, Pedro Castillo von Perú Libre dagegen auf 50,1.

Das knappe Rennen hat die ohnehin schon angespannte Lage in dem Land weiter verschärft. Die Sorge wächst, dass der knappe Ausgang der Wahl zu noch mehr Unruhe oder sogar Protesten und Chaos führen könnte.

Einst ein Musterland in der Region, leidet Peru heute unter einer fast allumfassenden Krise: Über Jahre hinweg hatten hohe Rohstoffpreise die Wirtschaft boomen lassen, Armut und Arbeitslosigkeit sanken, der Wohlstand wuchs, gleichzeitig aber auch die Ungleichheit. Ein Großteil der Peruaner arbeitet heute in prekären Jobs, viele junge Menschen sehen kaum noch eine Zukunft für sich in ihrem Land, und nach mehreren großen Korruptionsaffären ist die Politikverdrossenheit groß.

Mit der Pandemie hat sich die Lage noch verschärft. Die peruanische Wirtschaft ist im letzten Jahr um mehr als 11 Prozent eingebrochen, dazu starben mehr als 180 000 Menschen an dem Erreger. Gemessen an der Bevölkerungsgröße macht dies Peru zu einem der Länder, die weltweit am härtesten von Covid-19 getroffen wurden.

Anfang April standen ganze 18 Kandidaten in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl auf den Stimmzetteln, keiner erreichte damals mehr als 20 Prozent, und am Ende zogen zwei Bewerber in die Stichwahl ein, die kaum unterschiedlicher hätten sein können.

Der Literaturnobelpreisträger Llosa unterstützt Fujimori

Keiko Fujimori ist die Tochter des Ex-Präsidenten Alberto Fujimori, der Peru in den 90er-Jahren autoritär regierte und heute wegen Menschenrechtsverbrechen in Haft sitzt. Bereits zweimal hat sich Keiko Fujimori um das Amt bemüht, beide Male scheiterte sie in der Stichwahl. Mit einer Politik der harten Hand hat sie um Wähler geworben, dazu steht sie für eine Fortführung des wirtschaftsfreundlichen Modells der vergangenen Jahre.

Pedro Castillo dagegen tritt für eine marxistisch-leninistische Partei an und verspricht, die Reichtümer des Landes gerechter zu verteilen. Bergbaufirmen sollen verstaatlicht werden, dafür mehr Gelder in Bildung und Daseinsfürsorge fließen. Castillo will auch eine neue Verfassung, die bisherige stammt noch aus der Fujimori-Zeit.

Castillo gibt sich als Mann des Volkes. Früher war er Dorfschullehrer, sein Wahlkampf fand abseits der Hauptstadt in der Provinz statt. Viele arme und abgehängte Peruaner erhoffen sich von ihm mehr Teilhabe und Chancen. Gleichzeitig ist vor allem bei den Angehörigen der Mittel- und Oberschicht die Sorge groß, dass Castillo das Land auf einen sozialistischen Kurs ähnlich dem von Venezuela oder Kuba bringen könnte, mit Enteignungen und einer Gleichschaltung der Presse.

Keiko Fujimori hat diese Ängste in ihrem Wahlkampf noch geschürt. Ein großer Teil der peruanischen Rechten und der konservativen Elite hat sich hinter ihr versammelt, unter anderem auch Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa. Gleichzeitig aber steht Fujimori unter schwerem Korruptionsverdacht und saß deswegen auch schon in Untersuchungshaft. Dazu kommt ein autoritärer Führungsstil und ihre nie richtig aufgearbeitete Beteiligung an der Regierung ihres Vaters, unter der es zu Mord, Folter und massenhaften Zwangssterilisationen kam.

Fujimori wird sich bei einem Sieg mit Reformforderungen aus der Bevölkerung konfrontiert sehen, die sie am Ende dazu zwingen könnten, ihren wirtschaftsfreundlichen Kurs abzuändern. Pedro Castillo dagegen wird mit seinen Vorschlägen und Versprechen vermutlich im extrem zersplitterten Kongress scheitern. Auch nach der Wahl also wird die Stimmung im Land angespannt bleiben.

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