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"Perspektive Deutschland":Mehr Markt? Mehr Soziales? Beides!

Die bislang größte gesellschaftspolitische Internet-Umfrage kommt zu einem paradoxen Ergebnis: Die Deutschen wollen scheinbar Widersprüchliches.

Bernd Oswald

Die Unternehmensberatung McKinsey gönnt sich einmal im Jahr den Spaß, abseits des originären Geschäftsfeldes ein bisschen am Puls des Volkes zu fühlen.

Mittel zum Zweck ist die groß angelegte Umfrage "Perspektive Deutschland". 620.000 Menschen haben bei der fünften Auflage online mitgemacht - so viele wie nie zuvor.

Dieses Mal wollten McKinsey und seine Partner ZDF, web.de und der Stern der Politik ein bisschen Orientierungshilfe geben und stellten den Fragenkatalog unter das Motto "Wohin Deutschland?". Zentrale Frage war, ob sich die Deutschen ein eher marktwirtschaftliches oder ein eher staatliches Gesellschaftsbild wünschen.

Viel höhere Steuern, viel geringere soziale Unterschiede, weniger Leistungsbelohnung waren die Kernelemente des Vorschlages "Mehr Staat", beim Gegenentwurf "Mehr Markt" jeweils das Gegenteil.

Wer will schon höhere Steuern? Es verwundert nicht, dass das Modell "mehr Markt" die Nase vorn hatte. Wie kritisch derartige Schwarz-Weiß-Schubladen gesehen werden, zeigt sich daran, dass 21 Prozent "nichts davon" wollen und vier Prozent mit "weiß nicht" antworteten.

Ziel "soziale Leistungsgesellschaft"

Das Paradoxe: Gleichzeitig will die Mehrheit, dass die sozialen Unterschiede abnehmen sollen und dass der Staat jedem eine umfassende soziale Sicherung bieten soll.

Das kommt daher, dass die Fragen nebeneinander stehen und die Umfrage den Teilnehmern ein richtiges Bekenntnis zum Entweder-Oder, lieber nicht zumutet.

Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker, Schirmherr der Umfrage, kommt zu dem Schluss: "Diese Kombination von links und rechts, dieses Sowohl-als-auch kennzeichnet eine neue Entwicklung - die soziale Leistungsgesellschaft." Das klingt gut, und damit hat von Weizsäcker der Unternehmensberatung ein schönes Schlagwort geliefert, die als Kernaussage der Studie verkauft wird.

McKinsey-Deutschlandchef Jürgen Kluge fasst den Befund in die Worte: "Die Menschen fordern mehr Markt und mehr Gemeinschaft zugleich. Sie erkennen, dass dies kein Gegensatz sein muss und darf."

Im Endeffekt sind das Studienergebnis und die beiden Interpretation nur Umschreibungen für das, was wir schon haben: eine soziale Marktwirtschaft. Nur dass eben beide Teile betont werden und nicht gesagt werden kann, welcher Aspekt überwiegen soll.

Dieses vermeintlich ambivalente Ergebnis passt gut in die Zeit, denn die Bundestagswahl hat gezeigt, dass es für Marktwirtschaft pur keine Mehrheit gibt. Es wäre interessant gewesen, zu welchem Ergebnis die Studie gekommen wäre, wenn jetzt Schwarz-Gelb regieren würde.

Auch die anderen Ergebnisse bestätigen im Endeffekt nur Altbekanntes: Die Menschen sind prinzipiell zu Reformen und persönlichen Opfern bereit, fürchten um ihren Arbeitsplatz, wissen nicht so recht, wie viele Kinder sie sich leisten können und sind im Süden der Republik zufriedener als im Norden, Westen und Osten.

Unter dem Strich also viel Aufwand für ein wenig Verstärkerwirkung.

© sueddeutsche.de
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