Personalrekrutierung US-Geheimdienst umwirbt Kinder und Jugendliche

CryptoCat und DecypherDog entschlüsseln geheime Nachrichten und kämpfen gegen das Böse: Mit Comicfiguren werben US-Nachrichtendienste wie die NSA um ihren Nachwuchs. Die skurrilen Rekrutierungsmaßnahmen haben einen ernsten Hintergrund.

Von Reymer Klüver

So eine richtig gute Kommunikation hat Amerikas Super-Geheimdienst für weltumspannende Internet- und Telefonüberwachung dieser Tage nicht. Die Europäer, aber auch Amerikaner hegen Zweifel an Rechtmäßigkeit und Effektivität der Datensammelwut der National Security Agency (NSA). Da dürfte es dem US-Auslandsnachrichtendienst nicht sehr ungelegen kommen, wenn im Internet, in einschlägigen Blogs und Websites, in den letzten Wochen eine auf den ersten Blick eher harmlose Seite der Spionageagentur zum Thema wurde: Die Lauscher lieben Kids, jedenfalls haben sie für Kinder und Jugendliche eine Website eingerichtet mit dem sicher unglaublich coolen Namen "CryptoKids".

Neun Comic-Plüschtierchen bevölkern die Seite. CryptoCat ist die Chefin der Gang, DecipherDog (Dechiffrier-Hund) ihr bester Kumpel. Und dann gibt es da Sam, den Adler im Tarnanzug, oder die CyberTwins Cy und Cyndie, Schneeleoparden mit Freisprechanlage im Plüschohr, deren Dad Computer-Spezialist bei der US Army ist. Alle sind sie Kids, wie sie sich Amerikas Eltern nur wünschen können: total wissbegierig, smart auf ihren Computern und super patriotisch.

Was die Bösen vorhaben

Den CryptoKids geht es - der Name sagt alles - um Kryptologie, also darum, "Codes zu entwickeln und zu knacken", wie es harmlos auf der Website heißt. Man könnte auch sagen: Es geht um elektronische Datenschnüffelei und Cyber-Spionage. "Das Führungspersonal unserer Nation und unsere Soldaten verlassen sich auf die Informationen, die sie von der NSA bekommen", ist dann weiter zu lesen. Ohne die Geheimdienste "könnten sie nicht herausfinden, was die Bösen vorhaben." Bei den CryptoKids ist die Welt der Überwachung noch in Ordnung.

Doch wie abgedreht die (übrigens bereits 2005 eingerichtete) Internetseite des Geheimdiensts auch erscheinen mag, sie ist gewiss kein Einzelfall. Die CIA hat ebenfalls eine eigene "Kids Zone", die US Marshals haben ein Quiz für den Nachwuchs ins Netz gestellt ("Wer war der erste Präsident der Vereinigten Staaten?"), und bei der Bundespolizei FBI führt Special Agent Bobby Bureau die Junioren in die Kunst der Verbrechensbekämpfung ein.

Bei der NSA hat die Seite neben aller Imagepflege einen sehr profanen Hintergrund: Der Geheimdienst ist größter Arbeitgeber für Mathematiker in den USA - und macht sich Sorgen um den Nachwuchs. Der Dienst sei "extrem abhängig von einer kontinuierlichen Ausbildung amerikanischer Eins-a-Mathematiker", heißt es zur Rechtfertigung der Kinderseite. Die soll schlicht und einfach mathebegabte US-Kids für den Spionagedienst anwerben: "Es ist nie zu früh, sich darüber Gedanken zu machen", trällert die NSA, "was du machen willst, wenn du groß bist."