Neues Bundespräsidialamt Gaucks WG bezieht Bellevue

Joachim Gauck ist "mit Herzklopfen" ins Schloss Bellevue eingezogen. An seiner Seite: loyale Mitarbeiter. David Gill etwa, der einst an Gaucks Image als "Präsident der Herzen" mitarbeitete. Oder Ex-Künast-Sprecher, Union-Berlin-Fan und Punk-Hörer Andreas Schulze. Doch sind sie auch professionell genug für die Aufgabe?

Von Matthias Drobinski und Nico Fried

Hätte an diesem 18. März nicht Joachim Gauck zur Wahl gestanden, dann hätte David Gill wohl geholfen, die Predigt für den ökumenischen Gottesdienst zur Bundesversammlung vorzubereiten. Stattdessen hat Gill Ende Februar das Büro gewechselt, ist von den Räumen des Beauftragten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bei der Bundesregierung zu den Glaubensgeschwistern in der katholischen Akademie gezogen und hat von dort aus die Interviews und Vorstellungsrunden des Kandidaten Joachim Gauck organisiert.

Der Protestant David Gill (rechts) wird unter dem neu gewählten Bundespräsidenten Joachim Gauck das Präsidialamt leiten.

(Foto: dapd)

Sicher hätte das neue Team Gauck auch in einer Parteizentrale Büros gefunden, doch es sollte der Anschein vermieden werden, dass Gauck allzu sehr einer der Parteien nahesteht, die seine Wahl unterstützen. Und zu den Katholiken ist der Draht des künftigen Mannes an der Spitze des Bundespräsidialamtes kurz.

Ein Kirchenmann und sogar Bischofssohn also steht künftig an der Spitze des Bundespräsidialamts. Dass David Gill auch SPD-Mitglied ist, das ist bislang nicht so sehr aufgefallen - und soll, so hat der 45-Jährige gesagt, auch künftig keine so große Rolle spielen.

Wichtiger ist: Gill ist einer aus der ehemaligen DDR, ein Oppositioneller aus dem Theologenkonvikt, einer, der den Lebensweg Joachim Gaucks seit ziemlich genau 22 Jahren begleitet. Für beide ist der 18. März 1990, der Tag der einzigen freien Wahl zur Volkskammer der DDR, ein großer, historischer Tag. Es gibt Leute, die sagen, Gauck hätte sich besser einen erfahrenen Beamten geholt, einen vielleicht wie Hansjörg Geiger, den ehemaligen Präsidenten des Bundesamtes für den Verfassungsschutz, der 1990 bis 1995 Gaucks Direktor bei der Stasi-Unterlagenbehörde war. Einer jedenfalls, der ihm vielleicht auch mal widerspricht. Der künftige Präsident, der als durchaus verletzlicher Mensch gilt, hat sich jedoch für einen obersten Mitarbeiter entscheiden, den er lange kennt, dem er vertraut, der immer wieder für ihn gearbeitet hat.

Gill und Gauck kennen sich seit 1990; Gauck war damals Abgeordneter des Neuen Forums und Gill mit erst 23 Jahren geachtetes Mitglied des Bürgerkomitees - er sollte dafür den Theodor-Heuss-Preis erhalten. Im Jahr 1991 holte ihn Gauck als Sprecher in die Stasi-Unterlagenbehörde. Auch als Gill Jura studierte, in die USA ging und dann 2004 zur EKD, blieb der Kontakt. 2010 organisierte Gill Gaucks knapp gescheiterte Kandidatur, und es heißt, es sei auch Gills geschickter wie umtriebiger Öffentlichkeitsarbeit zu verdanken, dass nach der Wahl von Christian Wulff das Bild von Gauck als "Präsident der Herzen" blieb.

Für Gauck ist diese Loyalität wichtiger als jahrelange Bewährung in der Bundes-Verwaltung oder in den politischen Kämpfen - das gilt für sein gesamtes künftiges Team in Schloss Bellevue. Es sind alles sehr nette, mutmaßlich auch gute Menschen, das neue Staatsoberhaupt inklusive. Aber können sie auch Bundespräsident? Bei SPD und Grünen ist man einstweilen jedenfalls ausgesprochen zufrieden mit den ersten Personalentscheidungen Gaucks. Er hat sich fürs Erste mit Leuten umgeben, die er nicht nur gut kennt, sondern die alle auch der SPD oder den Grünen nahestehen.

So soll Andreas Schulze in den ersten Wochen als Gaucks Pressesprecher fungieren und wird später wahrscheinlich die Kommunikation aus dem Amt heraus führen. Der 48 Jahre alte Schulze ist in Ostberlin aufgewachsen und engagierte sich vor der Wende im ökologisch orientierten "Netzwerk Arche", das sich unter dem Dach der evangelischen Kirche organisierte. Zu Zeiten der rot-grünen Koalition war er Pressesprecher der grünen Verbraucherschutzministerin Renate Künast.

Später wechselte Schulze zur neuen Leiterin der Stasi-Unterlagenbehörde, Marianne Birthler. Schulze sagt selbstironisch, er habe Gauck schon früh gekannt, glaube aber nicht, dass dies umgekehrt auch so gewesen sei. Vor zwei Jahren gehörte Schulze dann bei Gaucks erster Kandidatur gegen Christian Wulff bereits zum Team des ehemaligen Pfarrers. Nachdem er zwischendurch Renate Künast als Spitzenkandidatin für die Berliner Abgeordnetenhauswahl beriet, gehört er nun wieder zur Gauck-Mannschaft. Schulze, der gerne Punk-Musik hört, hat sich optisch wie charakterlich ein wenig von einem Freak erhalten, ist begeisterter Fußballfan und unerschütterlicher Anhänger des traditionsreichen Vereins Union Berlin im Osten der Stadt. Dessen Fans begrüßen sich stets mit dem Wort "Eisern!".

"Ausgeprägte Leidensfähigkeit mit hoher Intellektualität"

Auch Johannes Sturm gehörte schon 2010 zum Team von Gauck. Den freundlichen, stets ruhig und gelassen wirkenden Sturm hatte damals die SPD Gauck an die Seite gestellt. Jetzt soll er dem Vernehmen nach Gaucks persönlicher Referent werden.

Der erst 31 Jahre alte Sturm ist schwer zu erschüttern, weil er als Mitarbeiter im Willy-Brandt-Haus einige der wildesten Jahre der SPD miterlebt hat: Unter Parteichef Kurt Beck kam er als Pressereferent in die Zentrale der Sozialdemokraten und erlebte den Sturz des Mainzers. Den Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier begleitete er 2009 durch einen schwierigen Wahlkampf.

Sturm, so sagt es ein Sozialdemokrat, verbinde "ausgeprägte Leidensfähigkeit mit hoher Intellektualität". Außerdem gilt er als sorgfältig, mit leichter Neigung zur Pingeligkeit. Zuletzt hat er in der rheinland-pfälzischen Landesvertretung in Berlin in der Abteilung für Bundesangelegenheiten im Referat Medien und Infrastruktur gearbeitet, ein mutmaßlich eher ruhiger, gleichwohl nicht zu unterschätzender Posten: Immerhin ist der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck seit vielen Jahren auch Vorsitzender des ZDF-Verwaltungsrates.

Christian Wulff war sehr erfahren im Politikbetrieb, als er ins Präsidentenamt kam, ein Profi, gewohnt, die Unterstützung von Spin-Doctors und hochqualifizierten Referenten in Anspruch zu nehmen - einige zu sehr in Anspruch zu nehmen, wie sich vergangenen November zeigte. Mit Gauck weht ein neuer Geist im Schloss Bellevue; der Geist desjenigen, der diesem Politikbetrieb immer mit einer Portion Skepsis gegenübergestanden hat, der eine Heimat sucht im Schloss und gleich seine Wohngemeinschaft mitbringt. Wenn es schlechtgeht, führt so etwas in die Enge. Wenn es gutgeht, von der Heimat in die Weite.