Pegida Wo nur die Wut zählt

Deutschlandflaggen in Leipzig - doch wofür? Die Unterstützung für die Pegida-Bewegung lässt nach.

(Foto: AFP)

Rentner, frustrierte Facharbeiter, Nazis und Menschen, die irgendwie wütend sind - der Pegida-Bewegung fehlen klare Ziele. Langsam scheinen viele Teilnehmer zu merken, dass die Demos niemandem nützen.

Kommentar von Thorsten Denkler

Legida kämpft. Pegida auch. Gegen eine "Islamisierung des Abendlandes". Das ist zumindest das Hauptmotto der Demos. Aber irgendwie auch gegen die da oben, gegen das Gefühl, zu kurz gekommen zu sein, gegen Fernsehgebühren. Wahrscheinlich auch gegen die zu kleinen Brötchen beim Bäcker um die Ecke. Oder gegen zu viel Schnee im Winter und zu viel Sonne im August. Alles in allem wohl gegen die eigene Bedeutungslosigkeit.

So langsam scheinen die ersten Teilnehmer zu spüren, dass da was nicht stimmt. Dass da vorne auf der Bühne Reden geschwungen werden gegen Ausländer und Asylanten, die eigenen Probleme aber doch ganz andere sind. Kleine Alltagssorgen eben, die zu ganz großen Sorgen werden, wenn keine anderen Themen da sind.

15 000 statt 40 000

Mit 40 000 Teilnehmern hatten die Legida-Organisatoren an diesem Mittwoch gerechnet. Weil ja am Montag in Dresden die Pegida wegen einer Terrorwarnung nicht auf die Straße gehen durften. Es waren dann etwa 15 000. Auch nicht wenige. Aber eben auch nicht mehr.

So ist das mit diesen Sammelbecken, in die sich hin und wieder jene gerne plumpsen lassen, die woanders keine Zuflucht mehr finden. Weil sie abgeschlossen haben mit diesem Staat. Weil die da oben doch nur machen, was sie wollen. Weil Politiker grundsätzlich und immer nur blöd sind. Weil auf sie ja keiner hört.

In so einem Sammelbecken sind viele, die ganz Verschiedenes wollen. Da sind die enttäuschten Rentner, die keine Nazis sein wollen, nur weil sie den "Neger" von nebenan irgendwie doof finden. Da sind die Facharbeiter, die glauben, sie ackern und schuften und zahlen Steuern, nur damit so ein paar Asylbewerber durchgefüttert werden können. Da sind die Nazis, die hoffen, diese Bewegung für sich instrumentalisieren zu können. Und die vielen anderen, die einfach nur eine Wut im Bauch haben. Oder nur mal gucken wollen.

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Pegida ist eine Bewegung, in der jeder Teilnehmer in eine andere Richtung will. Schon deshalb wird sie an Kraft verlieren. Weil sich die Kräfte gegenseitig aufheben, weil zwei, die an einem Strang ziehen, nur jeweils an einem der Enden, nicht vom Fleck kommen.

Pegida hat als Masse keine gemeinsamen und klar abgegrenzten Forderungen. Das reicht, solange es nur darum geht, der aus welchen Gründen auch immer angestauten Wut Luft zu verschaffen. Aber jetzt kommt Pegida in eine Phase, in der Wut nicht mehr ausreicht. Nur eine gemeinsame Sache kann eine Bewegung dauerhaft tragen. So wie die Anti-Atom-Bewegung. Oder einst die Friedensbewegung.

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Atomkraftwerke gab und gibt es wirklich. Kriege auch. Aber eine Islamisierung? Das sagen selbst Teilnehmer, dass sie das gar nicht unbedingt so sehen. Auf einer Anti-Atom-Demo wäre niemand zu finden gewesen, der das mit der Kernspaltung eigentlich gar nicht so schlimm findet.

Manche werden sich der AfD anschließen

Pegida fehlt dieser innere Kitt, der alles zusammenhält. Manche Pegidisten werden sich der AfD anschließen, sie wählen, vielleicht sogar eintreten. Andere werden wieder zu den Nichtwählern und Stammtisch-Revolutionären, die sie vorher schon waren. Die Schattenkämpfer gehen zurück in ihre Höhlen.

Wenn es nicht darum geht, zu diskutieren, Argumente auszutauschen, sondern nur darum, recht zu haben, dann ist das vielleicht der beste Platz für die Pegida-Anhänger. Gesprächsangebote sind schon mehr als genug gemacht worden. Hingehen müssen sie schon selbst. Wer das nicht hinbekommt, der soll halt weiter demonstrieren. Schon bald werden es weniger als tausend sein, irgendwann weniger als 100. Irgendwann wird es Pegida nicht mehr geben. Die Demokratie hält das aus.

Und was bleibt dann? Nichts. Das ist das eigentlich Enttäuschende an dieser Bewegung. Es gibt nichts zu lernen, nichts umzusetzen, nichts, dem beizupflichten wäre im Sinne von: Aha, stimmt, das ist jetzt echt mal ein Problem. Die Bewegung lässt Fragezeichen zurück. Und vor den Fragezeichen steht nicht mal eine konkrete Frage.

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